Unsere normale Arbeit steht gerade still

In Jordanien leben zahlreiche Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Viele von ihnen sind als syrische Flüchtlinge auf der Suche nach Frieden ins Land gekommen. Nun ist die Corona-Pandemie als weitere Herausforderung hinzugekommen. Kathrin Göb, Fachkraft von Caritas international in Jordanien, gibt Einblicke in die derzeitige Situation vor Ort.

Seit mehr als eineinhalb Jahren arbeite ich für Caritas international in Jordanien. Ich unterstütze die jordanischen Caritas-Kollegen bei der Durchführung von Hilfsprojekten für syrische und irakische Flüchtlinge. Mitte März hat die Corona-Krise auch uns hier in Jordanien erreicht und unser Leben von Grund auf verändert. Von meiner Wohnung aus schaue ich auf das Stadtzentrum Ammans und erkenne es kaum wieder. Normalerweise herrscht dort Tag und Nacht Betrieb und hupende Autos schieben sich durch die engen Straßen. Seit einigen Wochen ist es plötzlich ziemlich still in Amman geworden. Die Straßen sind bis auf ein paar vereinzelte Fußgänger und patrouillierende Sicherheitskräfte leergefegt.

Kathrin Göb auf dem Dach ihres Wohnhauses. Die Straßen unter sind leer. Kaum ein Auto ist wegen den Ausgangsbeschränkungen unterwegs.

Regierung ergreift strikte Maßnahmen zum Schutz

Nachdem Mitte März sechs Corona-Fälle im Land registriert wurden, reagierte die jordanische Regierung sehr schnell und verhängte eine totale Ausgangssperre für die gesamte Bevölkerung. Einige Tage lang durften wir unter keinen Umständen das Haus verlassen. Nicht einmal zum Einkaufen. Diese strenge Sperre war vor allem deshalb schwierig, weil die Regierung weder kommunizierte, wie lange dieser Zustand anhalten würde noch wie die Lebensmittelversorgung geregelt werden sollte. Inzwischen wurden die Restriktionen etwas gelockert. Die Lebensmittelgeschäfte und Apotheken sind unter der Woche wieder geöffnet. An den Wochenenden gilt weiterhin eine totale Ausgangssperre.

Mitarbeiterin von Caritas Jordanien misst kurz vor der Schließung der Caritas-Gesundheitszentren bei einem Patienten Fieber.

Jeder Tag gleicht einer Katastrophe

Ich selbst habe mich inzwischen gut mit den Beschränkungen arrangiert. Klar ist es mühsam, wenn das kleine Schlafzimmer plötzlich zum Büro wird. Zudem kann ich tagelang nicht aus dem Haus, weil mein Arbeitstag in der Regel erst endet, wenn lautes Sirenengeheul schon den Beginn der abendlichen Ausgangssperre verkündet hat. Letztendlich sind das aber Luxusprobleme.

Für viele Menschen in Jordanien haben die strengen Restriktionen wirklich existentielle Folgen. Von den über 650.000 syrischen Flüchtlingen, die Jordanien aufgenommen hat, lebten ungefähr 80 Prozent schon vor der Corona-Krise unterhalb der Armutsgrenze. Und auch vielen Jordanier_innen geht es angesichts der wirtschaftlichen Krise im Land nicht besser. Diese Menschen haben keinerlei Ersparnisse. Sie versuchen meist, sich mit informellen Tätigkeiten über Wasser zu halten. Nun haben sie aufgrund der Ausgangssperren plötzlich gar kein Einkommen mehr. Jeder Tag, an dem sie nicht arbeiten können, ist für sie eine Katastrophe.

Es frustriert, nicht helfen zu können

Caritas Jordanien erhält täglich Anfragen von verzweifelten Menschen, die nicht mehr wissen, wie sie ihre Familien in den nächsten Wochen ernähren sollen. Diese Familien benötigen dringend Unterstützung durch Caritas und andere Hilfsorganisationen. Umso frustrierender ist es für mich und die anderen Caritas-Mitarbeitenden, dass unsere Arbeit durch den geltenden Ausnahmezustand so stark eingeschränkt wird. Unsere normale Arbeit steht gerade völlig still. Denn weder Hilfesuchende noch Mitarbeitende dürfen das Haus verlassen.

Erste Ausnahmeregelungen schaffen neue Möglichkeiten

Wir haben schnell damit begonnen, alternative Wege zu den Menschen in Not zu finden. Zu allererst haben wir uns dafür eingesetzt, Ausnahmegenehmigungen für unsere Arbeit zu bekommen. Ein sehr mühsamer Prozess, aber seit letzter Woche dürfen sich nun alle Ärzte und Krankenschwestern der Caritas wieder frei im ganzen Land bewegen. Außerdem haben zehn der rund 400 Caritas-Mitarbeitenden Ausnahmegenehmigungen erhalten.

Mitarbeitende von Caritas Jordanien stellen Medikamenten im Lager einer der Gesundheitszentren für die spätere Auslieferung an Hilfesuchende zusammen.

Dieses Team arbeitet jetzt täglich an der Zusammenstellung und Verteilung von lebensnotwendigen Medikamenten an chronisch kranke Patienten. Zudem richten die Techniker der Caritas derzeit ein eigenes Call-Center ein, damit die Ärzte über eine telefonische Hotline medizinisch beraten können. Dank der Ausnahmegenehmigungen und der unermüdlichen Arbeit der jordanischen Caritas-Mitarbeitenden haben in der letzten Woche mehrere tausend chronisch Kranke ihre Medikamente erhalten. Und auch die Verteilung von Geldhilfen steht nach all der Koordinationsarbeit nun kurz vor dem Start.

Hoffnung auf baldige Öffnung der Gesundheitszentren

Natürlich hoffen wir, dass sich unsere Spielräume in den nächsten Wochen weiter vergrößern. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Denn die Maßnahmen der jordanischen Regierung haben Erfolg gezeigt: Die Gesamtzahl der Corona-Infizierten liegt derzeit bei 425. Außerdem haben sich in der vergangenen Woche täglichen nie mehr als acht Personen neu infiziert. Wir hoffen sehr, dass bald die Einschränkungen für Hilfsorganisationen gelockert werden und wir dann endlich unsere Gesundheitszentren wieder öffnen können. Denn gerade in Corona-Zeiten muss der Zugang für Flüchtlinge zu medizinischer Grundversorgung gewährleistet bleiben.

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