Eine Reise nach Deutschland wäre keine Rückreise

Jürgen Prieske leitet das Ostafrika-Regionalbüro von Caritas international in Kenias Hauptstadt Nairobi. Einen Rückholflug nach Deutschland wollte er nicht – Kenia ist sein Zuhause geworden. Doch natürlich hat die Corona-Pandemie sein Leben in Nairobi verändert. Und sie erinnert ihn an eine andere, schmerzvolle Zeit.

Unser Büro ist nicht so sehr von den Auswirkungen der Pandemie betroffen, was ganz einfach an seiner Größe liegt. Genau genommen handelt es sich bei unserem Büro um ein Gartenhäuschen, hinter dem Haus, in dem ich mit meiner Frau und meiner Tochter lebe. Der Weg zur Arbeit (meistens mit einer Tasse Kaffee in der Hand) beträgt ca. 50 Schritte. Kein Verkehrsstau, kein Nairobi-Smog. Das hat sich durch Corona auch nicht verändert.

Fast alles beim Alten im Büro – doch alles andere hat sich verändert

Mit mir im Büro arbeiten nur zwei weitere Kolleginnen, Leah und Janet. Mindestabstände können wir einhalten, die Hygienemaßnahmen (Handdesinfektion) sind etwas ausgebaut worden.

Das „Besprechungszimmer“ ist ein Gartentisch mit Sonnenschirm. Hier kann ich mich mit dem Telefon oder Notebook in die Sonne setzen und den Kontakt mit den Partnerorganisationen und dem „Head Office“ in Deutschland aufrecht erhalten, ohne Leah und Janet zu stören.

Ein wichtiger und von mir geschätzter Bestandteil meiner Arbeit sind die Besuche unserer Partnerorganisationen im Südsudan, Sudan und in Uganda. Doch diese Besuche sind nicht mehr möglich: Alle Flughäfen sind geschlossen. Projektbesuche innerhalb von Kenia sind seit letzter Woche ebenfalls nicht mehr möglich, denn ich darf die Stadtgrenzen von Nairobi nicht verlassen.

Auch unsere Partnerorganisationen sind durch die verschiedenen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus in ihrer Arbeit eingeschränkt. Nicht alles kann man vom Homeoffice aus erledigen. Es wird deutlich, wie wichtig der persönliche Kontakt und die Gespräche sind, um Schwierigkeiten oder Lösungsmöglichkeiten zu verstehen.

Ich verwende viel Zeit darauf, mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der verschiedenen Partnerorganisationen zu skypen. Oft habe ich dann das Gefühl, einfach nur eine Person zu sein, mit der mein Gegenüber reden möchte. Wir beide haben dann am Ende des Gesprächs zwar keine Lösung, aber wir haben einmal über Optionen geredet …

Schmerzhafte Erinnerungen an den Ausbruch des Eyjafjallajökull

Die verhängten Maßnahmen  wirken sich natürlich auch auf unser Privatleben aus. Der geplante Besuch unserer älteren Tochter auf Malta konnte nicht stattfinden, alle Flüge wurden gestrichen.

Es gab in den letzten Wochen hier und da einige vom Auswärtigen Amt oder von anderen europäischen Regierungen organisierte Rückholflüge nach Deutschland bzw. Europa. Einige Bekannte haben sich dazu entschlossen nach Deutschland zu reisen, andere sind hier geblieben.

Für mich stellte sich diese Frage nicht: Ich bin mit einer Kenianerin verheiratet, ihre Familie lebt hier. Kenia ist längst mein Zuhause. Eine Reise nach Deutschland wäre keine Rückreise. Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass es für mich keine Flugmöglichkeit nach Deutschland geben würde, falls es meiner Mutter oder einem meiner Geschwister mit ihren Familien nicht gut gehen würde. Es erinnert mich schmerzlich an eine andere Zeit: Nach dem Ausbruchs des Eyjafjallajökull, dem isländischen Vulkan, der mit seiner Aschewolke den europäischen Luftraum für fast zwei Wochen sperrte, verstarb mein Vater. Ich bekam keinen Flug, um bei seiner Beerdigung anwesend zu sein.

Auch die Schulen sind hier natürlich geschlossen, einschließlich der Deutschen Schule Nairobi (DSN). Meine jüngere Tochter, aber auch die Lehrerinnen und Lehrer der Schule machen sich zurzeit mit e-Learning vertraut. Sicherlich eine Herausforderung für alle Seiten, bei der es vermutlich gar nicht so viele Unterschiede zu Deutschland gibt.

Zeit für die Dinge, die sonst immer liegen bleiben

Eigentlich hätten wir kürzlich einige offizielle Besucher aus Deutschland sowie einen Berater aus Uganda und zwei Wirtschaftsprüfer aus Kenia im Südsudan empfangen sollen. Letztere hatten ihre Arbeit bereits aufgenommen, mussten wegen der Krise aber wieder in ihre Heimat zurückreisen.  Zudem war ein Projektbesuch zusammen mit Kollegen aus Deutschland und den Niederlanden im Sudan geplant und vorbereitet.

Wegen der kurzfristigen Entscheidungen, Landesgrenzen und Flughäfen zu schließen, war ich viel damit beschäftigt, Flüge umzubuchen, neu zu buchen oder auch zu stornieren. Zeitweise hatte ich das Gefühl, für ein Reisebüro zu arbeiten. Nachdem dann alle Berater, Trainer, Auditors und offizielle Besucher wieder da waren, wo sie herkamen, stellte sich erst einmal so etwas wie Entspannung ein.

Jetzt, wo das alles erledigt ist, bleibt uns nichts anderes übrig, als uns um alte, unerledigte oder noch nicht abgeschlossenen Projekte zu kümmern. Ausreden wie zum Beispiel Wir bereiten gerade den Workshop in Wau / Südsudan vor“gibt es jetzt nicht mehr.

Man kann es aber auch positiv sehen: Wir haben endlich Zeit für diese liegengebliebenen Aufgaben. Beim Bearbeiten dieser Altprojekte lernen die neuen Mitarbeiterinnen genau wie ich selber, worauf man in Zukunft vielleicht frühzeitig und genauer schauen sollte.

Vielen Dank an Wangarĩ Muta Maathai

Nicht weit entfernt von dort, wo wir wohnen, gibt es den Karura Forest, ein Naherholungsgebiet. Dieser Karura Forest wurde von der Umweltaktivistin und ersten afrikanischen Nobelpreisträgerin Wangarĩ Muta Maathai vor dem Abholzen bewahrt und geschützt. Dafür möchte ich mich im Nachhinein noch einmal bedanken!

Hier machen meine Frau und ich unseren (fast) täglichen, mindestens einstündigen Spaziergang, um aus dem Haus und aus dem Büro zu kommen.

Gleichzeitig wird bei so einem Spaziergang aber auch deutlich, in welchem Luxus wir leben. Während wir spazieren gehen, um dem Lagerkoller zu entfliehen, treffen wir viele ältere Frauen mit riesigen Feuerholzbündeln auf dem Rücken. Ich vermute, diese Bündel wiegen mindestens 40 Kilogramm. Trotz ihrer Last und ihrer aufgerissenen Gummistiefel laufen diese Frauen genauso schnell wie wir.

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