Dauerhafter Ausnahmezustand

Ende Februar kamen die ersten Menschen mit Coronavirus aus dem Iran in den Libanon. Bereits zwei Wochen später wurden Schulen, öffentliche Institutionen, Geschäfte sowie Land- und Seegrenzen geschlossen. Doch die Corona-Pandemie ist nur eines von vielen Problemen im Libanon. Julia Renck arbeitet als Fachkraft in Libanons Hauptstadt Beirut und ist sich sicher, dass das Land auch nach der Pandemie nicht zur Ruhe kommen wird.

Für mich setzte sich mit dem „Lockdown“ und seinen Auswirkungen das Bild des Libanon als ein Land in der Dauerkrise fort: Als ich im August 2019 hier ankam, befand sich das Land bereits in einer langanhaltenden wirtschaftlichen Krise. Im September kam es zu zusätzlichen Spannungen zwischen Israel und der Hezbollah, Mitte Oktober brach die „ثورة“  (Revolution) aus mit Straßenblockaden, brennenden Reifen und großen Demonstrationen. Und schließlich führte die Ermordung des iranischen Generals Soleimani auch hier zu einer angespannten Atmosphäre.  Und auf all das oben drauf kam dann noch die „Gesundheitskrise“.

Wartebereich im Gesundheitszentrum der Caritas Libanon. Die Abstandsregeln gelten natürlich auch hier. Foto: Caritas Libanon

Die Bevölkerung steht vor einer enormen Herausforderung

Ich habe zwar den Eindruck, dass die Menschen hier mit „Unsicherheit“ und „Unvorhergesehenem“ besser umgehen können (und müssen). Das hat seine gute Seite: Hier gab es keine Hamsterkäufe oder große Panik. Einiges schwerer wiegt allerdings, dass es im Libanon eine Bevölkerung trifft, die viele Herausforderungen meistern muss: Etwa ein Drittel der Bevölkerung sind syrische und palästinensische Geflüchtete, die bereits vorher unter schwierigsten Bedingungen versucht haben zu überleben. Auch die Aufnahmegesellschaft findet sich seit Jahren in einer wirtschaftlichen und politischen Krise.

Ich selbst sitze nun die sechste Woche in meinem Home Office – rückwirkend bin ich wahnsinnig froh, dass ich mich für eine Wohnung mit Terrasse und einem kleinem Garten entschieden habe. Neben dem bislang ganz gut gelingenden Versuch, selbst mit der ungewohnten Situation klar zu kommen, versuche ich den Partner Caritas Libanon so gut wie möglich in seiner Arbeit zu unterstützen. Diese besteht nun größtenteils aus Nothilfemaßnahmen wie Essensverteilungen. Damit sollen die Menschen, deren ohnehin schon mickrigen Einkommensmöglichkeiten weggebrochen sind, unterstützt werden. Denn im Libanon gibt es im Gegensatz zu Deutschland keine staatlich geförderte Kurzarbeit oder Ähnliches. Bei den Geflüchteten und auch den ärmeren Libanesen und Libanesinnen geht es dann ganz schnell um Fragen der Existenz. Die extra eingerichtete Hotline von Caritas Libanon verzeichnet viele und zum Teil verzweifelte Anfragen, auch weil die Preise derzeit weiter steigen und die libanesische Währung aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage zunehmend an Wert verliert.

Der Libanon kommt nicht zur Ruhe

Ich selber muss mich permanent auf dem Laufenden halten: Von wann bis wann ist nun Ausgangssperre? Wie viele Menschen dürfen gerade maximal in einem Auto sitzen? Wo muss ich überall eine Maske und Handschuhe tragen? Und an welchen Tagen dürfen Autos mit welchen Nummernschildern fahren? Doch immer wieder gibt es auch positive Meldungen. Zum Beispiel ist es uns gelungen, weitere Schutzausrüstungen für die Mitarbeitenden der Gesundheitseinrichtungen von Caritas Libanon zu kaufen.

Ein seltenes Bild in Beirut: Wo es sonst vor Autos, Motorrädern und Menschen nur so wimmelt, herrscht gähnende Leere. Foto: Julia Renck / Caritas international

Ganz aktuell kommt die Nachricht, dass die Ausgangsbeschränkungen und Schließungen über die nächsten Wochen schrittweise aufgehoben werden.

Dann bleibt nur die Frage, ob es eine zweite Welle an Corona-Fällen geben wird … und ob die  ثورة  wieder an Fahrt aufnimmt … und wie sich die wirtschaftliche Lage entwickelt … und was mit der allgemeinen Sicherheitslage in der Region passiert … eines scheint mir jedenfalls sicher zu sein: Zur Ruhe kommt der Libanon nicht.

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