Corona-Gerüchteküche in Afghanistan kocht weiter

Stefan Recker eröffnete unseren Corona-Blog (zum Artikel „Zwiebeln schützen vor Corona nicht) vor etwa zwei Wochen. In der Zwischenzeit haben sich er und sein Team im Kabuler Büro ganz gut eingespielt. Doch die Probleme im Land werden größer und auch die Gerüchteküche kocht weiter – zum Teil mit überraschenden Ergebnissen.

Nach knapp vier Wochen mit Ausgangsbeschränkungen pendelt sich die Arbeitssituation ganz gut ein. Wir haben es geschafft, einen Anwesenheitsplan für das Büro einzuführen. So sind die afghanischen Kolleginnen und Kollegen jeweils zwei Tage die Woche hier im Büro um die Dinge zu erledigen, die eine Anwesenheit unbedingt erforderlich machen: Gespräche mit Monica und mir zu führen, Auszahlungen zu tätigen, Vorschüsse zu beantragen und zu bekommen und alles andere, was direkten Kontakt erfordert. Für die restliche Arbeit heißt es: Home-Office.

Wobei mir natürlich bewusst ist, was das für meine Mitarbeitenden bedeutet. Sie haben ja weder schöne Arbeitszimmer, noch verlässlichen Stromanschluss, noch konstantes Internet bei sich zu Hause. Und die Kinder wollen natürlich auch versorgt werden. Daher verstehe ich, wenn die Arbeitsergebnisse etwas unter der Situation leiden.

Ein derart eingeschränkter Alltag kann zu Konflikten führen

Bewundernswert finde ich das Verhalten von Monica, unserer italienischen Programm-Koordinatorin. Wir leben hier auf einem ummauerten Grundstück, dass zwei Bürogebäude und ein kleines Wohnhaus beinhaltet, wo wir arbeiten und wohnen. Da fast alle Besprechungen mit anderen Organisationen und Partnern nunmehr per Video oder Telefon stattfinden, kommen wir hier praktisch nur einmal die Woche zum Wocheneinkauf  aus unserem Büro- und Wohn-Komplex raus. Monica steckt diese Einschränkungen sehr, sehr gut weg. Ich hatte bei früheren Einsätzen mit anderen Organisationen hier in Afghanistan schon ganz andere Verhaltensweisen von internationalen KollegInnen erlebt – nie vergessen werde ich die Prügelei zwischen zwei Kollegen über den letzten Schoko-Riegel.

Die beiden Sicherheitskräfte der Caritas Afghanistan vor dem Büro- und Wohn-Komplex.

So viele Bettler habe ich zuletzt zu Taliban-Zeiten gesehen

Durch die Einschränkungen der Bewegungsfreiheit ist für die vielen Tagelöhner hier in Kabul und in anderen Städten im Land das Einkommen weggefallen. Man sieht jetzt sehr viel mehr Bettler auf den Straßen – so viele, wie ich seit den Taliban-Zeiten vor 20 Jahren nicht mehr gesehen habe. Manchmal sehe ich, wie wohlhabende Afghanen Nahrungsmittel oder Essensrationen verteilen. Diese privaten Initiativen finde ich sehr schön. Sie zeigen, dass humanitäre Arbeit nicht nur von Hilfsorganisationen geleistet wird, sondern dass Engagement und Mitgefühl auch ein zivil-gesellschaftlicher Anspruch sind.

Wir selbst haben mit einer unserer Partner-Organisationen, LEPCO, die sich eigentlich mit Lepra- und Tuberkulose-Arbeit beschäftigt, ein kleines, Caritas-finanziertes Covid-19-Projekt im zentralen Hochland gestartet. Dabei werden einerseits deren Kliniken mit zusätzlichen Schutzmaßnahmen ausgerüstet und andererseits gezielt Arbeitsmigranten, die aus dem Iran zurückgekehrt sind, über einfache Gesundheitsmaßnahmen aufgeklärt. Außerdem bekommen sie Fieberthermometer und Seife.

Das neuste Gerücht: Hände waschen mit Coca-Cola

Die Gerüchte über Corona beziehungsweise Covid-19 sprießen unterdessen weiter. Manchmal ist es recht schwierig, in dieser Gesellschaft, die von Gerüchten sowieso stark beeinflusst wird, die richtigen Gegenargumente zu finden. Ein besonders hübsches Beispiel ist, dass man sich Gesicht und Hände mit Cola waschen soll. Glücklicherweise habe ich bis jetzt noch nicht gehört, dass Ausländer aktiv beschuldigt werden, das Virus eingeschleppt zu haben, obwohl es solche Gerüchte in den sozialen Netzwerken durchaus gibt.

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Ein Gedanke zu „Corona-Gerüchteküche in Afghanistan kocht weiter“

  1. Tja, gute Idee, wenn auch wirkungslos, wobei….erzeugt doch Wirkung. So, z.B. dass einen hinterher die Fliegen umschwärmen und man wie Teufel klebt ich hoffe, ihr habt stattdessen Schutzkleidung. Apropos, das Pfingstfest entfällt bei uns auch.

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