Über digitale Messenger gemeinsam beten

Vor einer Woche hat der Fastenmonat Ramadan begonnen. Auch in Marokko fasten die gläubigen Muslime. Doch wie so vieles seit Ausbruch der Corona-Pandemie muss auch das Fasten dieses Jahr anders gestaltet werden. Unser Kollege Hannes Stegemann gibt in seinen zweiten Blog-Beitrag einen bedrückenden Einblick. 

Die Sonne geht heute in Rabat um kurz nach 19 Uhr unter. Seit Samstag 25. April sind wir im Fastenmonat Ramadan. Als muslimischer Marokkaner hast du seit Sonnenaufgang, kurz vor 6 Uhr, nichts mehr gegessen und getrunken. Jetzt wartest du auf den Ruf des Muezzins deiner Moschee zum Abendgebet. Anschließend triffst du dich mit der Familie und Freunden zum gemeinsamen Ftour – dem täglichen Fastenbrechen nach Sonnenuntergang – in einem Straßencafé oder Restaurant. Datteln, ein Glas Milch, die Suppe Harira und dann leckere süße Naschereien bis spät in die Nacht hinein. Aber nicht dieses Jahr.

Nächtliche Ausgangssperre trifft Gläubige hart

Kurz vor Beginn des Fastenmonats hat die Regierung für die Zeit des Ramadan eine nächtliche Ausgangssperre von 19 Uhr abends bis 5 Uhr morgens verhängt. Das trifft die Menschen sehr hart. Den Ramadan lebt man normalerweise gemeinsam. Es ist ein Monat der Spiritualität und insbesondere der Solidarität untereinander, der Spendenbereitschaft für die Armen. Der Rat der Oulémas (offizielle muslimische Religionsinstitution in Marokko) hat kurz vor Beginn des Ramadan eine Fatwa erlassen. Dieses Rechtsgutachten islamischer Gelehrter ruft gläubige Muslime dazu auf, die Ausgangssperren zu respektieren. Denn aus Sicht der Scharia (dem islamischen Rechtssystem) hat der Schutz von Menschenleben vor allen anderen religiösen Verpflichtungen, einschließlich der gemeinsamen Gebete, Vorrang. Diese klare religiöse Positionierung war sicher sehr hilfreich, um in der aktuellen sozialen Anspannung zur Deeskalierung beizutragen.

Der Ramadan endet vermutlich am Samstagabend, dem 23. Mai. Das genaue Datum hängt von der Sichtung des Neumondes ab. Normalerweise reisen die Menschen einige Tage vor Ende des Ramadans in ihre Herkunftsregionen, um im großen Familienkreis das Ende des Ramadans, den Aïd El Fitre, das dreitägige Zuckerfest zu feiern. Obwohl die Maßnahmen zur Bewegungseinschränkung bisher nur bis zum 20. Mai gelten, glaubt Fouad Benali, unser Leiter der Verwaltungs- und Finanzabteilung, dass die Beschränkungen bis in den Juni hinein verlängert werden. Wenn dem so ist, wird er zum ersten Mal den Aïd El Fitre nicht mit seiner Familie im Rifgebirge im Norden Marokkos feiern können.

Gemeinsames Gebet über digitale Messenger

Abdou Maki, senegalesischer Migrant in Laayoune und Mitglied der Bruderschaft der Mouriden, hat uns teilhaben lassen an der großen Traurigkeit seiner Gemeinschaft. Sie trauern darüber, dieses Jahr den Ramadan nicht so verleben zu können wie es sein sollte. Dazu gehören unter anderem gemeinsame Gebete und der gemeinsame abendliche Ftour, zu dem man andere, arme Menschen einlädt. Die Mouriden, sagt Abdou Maki, „vertreten einen Islam des Friedens, der Toleranz, der Gewaltlosigkeit, der Brüderlichkeit, der Hilfsbereitschaft, der Großzügigkeit und der Solidarität”. Diese so wichtige Spiritualität in Gemeinschaft während des Ramadans zu leben, wird dieses Jahr nicht möglich sein.

Ein Foto von Abdou Maki vor den Beschränkungen durch die Corona-Pandemie.

Aber sie haben eine Whatsapp-Gruppe gebildet, um in Kontakt zu bleiben. So können sie auf Distanz gegenseitig an ihren Gebeten – „salat nabawi” – teilhaben. Da die gemeinsamen Abendessen mit armen Menschen nicht möglich sind, sammelt die Gemeinschaft der Mouriden Geldspenden, um dann armen Familien in individuellen Hausbesuchen eine finanzielle Unterstützung zu überbringen. Dies ist so dringlich, weil die Menschen, die vom Kleinhandel oder einer Hilfsarbeit in den Kühlhäusern der Fischereiindustrie gelebt haben, seit Beginn der Einschränkungen am 20. März ihr Einkommen verloren haben. Für Abdou Maki ein Grund mehr, die zentralen Werte der Mouriden – Hilfsbereitschaft und Solidarität – in dieser Krise umzusetzen.

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