Wiederaufbau im katastrophengeplagten Indonesien durch Corona gefährdet

Im September 2018 starben 4.845 Menschen an den Folgen eines Erdbebens in Zentral Sulawesi. Das Erdbeben der Stärke 7,4 löste einen Tsunami aus und zerstörte komplette Nachbarschaften. Hunderttausende verloren ihre Häuser. Der Wiederaufbau ist längst nicht abgeschlossen. Doch der nächste Kraftakt steht schon bevor – der Kampf gegen Corona. Unsere Kollegin Sarah Stoiber lebte die letzten anderthalb Jahre in Yogyakarta und koordinierte den Wiederaufbau. Sie gibt in ihrem Beitrag Einblicke in die derzeitige Lage.

Die letzten anderthalb Jahre haben meine Kolleg_innen und ich den vom Tsunami betroffenen Menschen dabei geholfen, ihre Häuser und stückweise auch ihr Leben wieder aufzubauen. Obwohl bereits einiges erreicht wurde, liegt für viele Gemeinden und Nachbarschaften eine Art Normalzustand nach wie vor in weiter Ferne. Gut ein Jahr nach den verheerenden Naturkatastrophen leben Familien noch immer in Zelten, in Gemeinschaftsunterkünften (auch Baracken genannt) oder in anderen Übergangslösungen. Über 250 Familien, deren gesamtes Hab und Gut innerhalb weniger Minuten vom Erdboden verschluckt wurde, leben in einer Zeltstadt. Mehr als 6.000 Familien wohnen in Gemeinschaftsunterkünften, wo sich mehrere Familien Bad und Küche teilen müssen.

Eine junge Caritas-Mitarbeiterin steht inmitten von unvollständigen Häusern.
Sarah Stoiber koordiniert den Wiederaufbau, dieser wird sich durch Corona jedoch verzögern.

Soziale Distanz einzuhalten ist unmöglich

Wenige Wochen nachdem Anfang März die ersten beiden Corona-Fälle in Indonesien bekannt wurden, rief die Regierung landesweit dazu auf, soziale Distanz einzuhalten. Für viele Menschen ist das unmöglich. Denn den Familien in Zentral Sulawesi stehen weder in den Camps noch in den Gemeinschaftsunterkünften genug Raum geschweige denn ausreichend hygienische und sanitäre Anlagen zur Verfügung, um sich vor COVID-19 zu schützen. Für mich ist es kaum vorstellbar, wie die betroffenen Menschen mit dieser Doppelbelastung leben. Während sie sich noch von der letzten Katastrophe erholen, kommt schon die nächste auf sie zugerollt. Und obwohl die Baumaßnahmen derzeit noch eingeschränkt weiterlaufen, müssen die Familien befürchten, dass sich auch der Bau ihrer Häuser weiter verzögern wird. Dazu kommt die verheerende wirtschaftliche Lage, die diejenigen, die sowieso schon von Armut bedroht sind, am härtesten trifft.

Regierung hielt Informationen zu Corona zurück

Wie viele andere Länder weltweit hat auch Indonesien COVID-19 lange unterschätzt. Bis Anfang März gab es offiziell keine bestätigten Corona-Fälle, obwohl alle benachbarten Länder bereits Fälle gemeldet und seit Ende Januar Maßnahmen zur Bekämpfung ergriffen hatten. Der Gesundheitsminister von Indonesien verkündete damals mehrere Male, sein Land sei immun gegen das Virus. Er begründete dies unter anderem mit der Kraft des Glaubens. Die meisten Indonesier_innen sind mittlerweile skeptisch. Vor kurzem bestätigte die Regierung offiziell, was viele schon lange vermuteten: Bestimmte Informationen zur Verbreitung des Coronavirus wurden zurückgehalten, um keine Panik auszulösen.

Lockere Beschränkungen trotz höchster Todesrate Asiens

Menschen stehen in Indonesien in einer Schlange und lassen sich Fieber messen.
Vor dem Betreten öffentlicher Gebäude wird Fieber gemessen.

Indonesien hat nach wie vor weltweit eine der niedrigsten Testraten. Insgesamt wurden rund 50.000 Tests durchgeführt. Zurzeit gibt es 8.607 bestätigte Fälle und 720 Menschen fielen dem Virus bereits zum Opfer – das entspricht der höchsten Todesrate Asiens (Stand: 27.04.2020). Am stärksten betroffen ist bisher die Metropolregion Jakarta. Bereits jetzt sind Intensivbetten und Schutzausrüstung in einigen Krankenhäusern knapp. Es gibt Berichte über medizinisches Personal, das versucht, sich mit Regenmänteln vor einer Ansteckung zu schützen. Ein Blick auf die Zahlen zeigt, wie ernst die Situation ist: Den über 260 Millionen Indonesier_innen stehen laut Gesundheitsministerium 321.544 Krankenhausbetten zur Verfügung – das entspricht zwölf Betten (2,7 Intensivbetten) und vier Ärzt_innen für 100.000 Personen. Nichtsdestotrotz sind die Ausgangsbeschränkungen nicht so streng wie in anderen Ländern. Wer kann, soll von Zuhause aus arbeiten und soziale Distanz wahren. Schulen wurden geschlossen. Seit sechs Wochen sind daher auch meine Kolleg_innen und ich im Homeoffice.

Ramadan könnte zur weiteren Ausbreitung des Virus beitragen

Vor einigen Tagen hat auch im mehrheitlich muslimischen Indonesien der Fastenmonat Ramadan begonnen. Traditionell reisen jedes Jahr Millionen Indonesier_innen in ihre Heimatdörfer, um mit ihren Familienangehörigen Ende Mai das Fastenbrechen zu begehen. Nun besteht die Befürchtung, dass Reisende COVID-19 aus der am schlimmsten betroffenen Metropolregion Jakarta in ihre Heimatprovinzen tragen. Dadurch könnte das Virus in die entlegensten Regionen des Landes mit seinen 17.000 Inseln gelangen. In diesen ländlichen Gebieten gibt es oft keine adäquate Gesundheitsversorgung. Die Regierung hat die offiziellen Feiertage nun von Ende Mai auf Dezember verschoben und dazu aufgerufen, nicht zu reisen. Flugverbindungen wurden bis Juni gestrichen, Busse und Züge stehen nur noch eingeschränkt zur Verfügung. Es bleibt abzuwarten, ob diese Maßnahmen greifen.

Das Ende von Ramadan habe ich mir seit langer Zeit im Kalender markiert. Nicht nur, um meinen muslimischen Freund_innen zu gratulieren. Das Datum markiert für mich zudem das Ende meiner Zeit in Indonesien. Ich kam nach Indonesien, um meine lokalen Kolleg_innen bei Projekten zum Wiederaufbau der Katastrophengebiete zu unterstützen. Nun ist diese Unterstützung nicht mehr nötig. Aufgrund der absehbaren Einschränkungen durch COVID-19 im internationalen Flugverkehr habe ich Indonesien bereits Mitte März verlassen. Durch die vorgezogene Abreise sah mein Abschied anders aus als ich es mir eigentlich gewünscht hätte. Ich hatte keine Möglichkeit, mich wie geplant von den Menschen und dem Land, das die letzten anderthalb Jahre meine Heimat war, zu verabschieden.

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