Der Alptraum wird für Tadschikistan Wirklichkeit

Parvina Tadjibaeva lebte und arbeitete bis vor wenigen Wochen für Caritas international in Tadschikistan. Das Coronavirus geisterte lange als Gerücht durchs Land. Verdachtsfälle wurden als einfache Lungenentzündung eingestuft. Der Anstieg der Todesfälle im Zuge von Atemwegserkrankungen änderte zunächst nichts daran. Erst einen Tag vor Ankunft einer Sonderkommission der Weltgesundheitsorganisation (WHO) am 30. April bestätigte die Regierung COVID-19-Fälle. Dann brach Panik im Land aus. Parvina Tadjibaeva blickt mit Sorge und Trauer auf die derzeitige Situation in Tadschikistan. Ihre Mutter und viele Freunde musste sie zurücklassen. Einige von ihnen sind bereits positiv getestet worden – einer ist im Verlauf der Erkrankung gestorben.

Uns bleiben 14 Stunden. Die Computeruhr steht auf 16:30 Uhr, als ich einen Brief der deutschen Botschaft lese. Sie bestätigt den Abflug von mir und meiner Familie nach Deutschland für den nächsten Morgen um 7 Uhr. Seit mehreren Wochen spreche ich bereits mit meinen Kollegen in Freiburg darüber, ob ich mit meiner Familie wegen einem möglichen Ausbruch der Corona-Pandemie ausreisen soll. Der Brief setzt dem ein Ende. Wir müssen unsere Koffer packen und eine Chance ergreifen. Vielleicht die letzte für uns.

Letzte Vorkehrungen für meine Abwesenheit

Ich bleibe bis 21:00 Uhr im Büro. Versuche alles so zu organisieren, dass meine Kolleginnen und Kollegen ohne meine physische Anwesenheit gut weiterarbeiten können. Welche Aufgaben stehen als nächstes an? Wer kümmert sich darum? Und wer vertritt mich während meiner Abwesenheit? Gemeinsam planen wir die nächsten Schritte. Ich bin mir sicher, dass wir das zusammen meistern werden. Wir sind ein hervorragendes Team. Auch wenn die Entscheidung längst getroffen ist, lässt mir eine Frage keine Ruhe: Ist es richtig, dass ich weit weg vom Platz sein werde? Meine Aufgabe ist es doch, den Bedürftigen hier in Tadschikistan zu helfen.

Nein, das ist kein Koch. Der Oberarzt einer tadschikischen Klinik erhält von der Caritas Schutzkleidung.

Ich laufe nach Hause. Packe meine Koffer für eine unbestimmte Zeit und einen unbestimmten Wohnort für mich, meinen Mann und meine drei Kinder. Meine beiden Töchter sind zwölf und sieben Jahre alt, mein Sohn anderthalb. Ihnen zu erklären, warum wir Hals über Kopf das Land verlassen, ist schwer. Sie fragen mich: „Warum müssen wir gehen? Und warum bleibt Oma hier?“ Meine Mutter ist 70 Jahre alt und bleibt allein zurück. Wir müssen ihr dringend alles kaufen, damit sie das Haus nicht verlassen muss. Damit sie für eine mögliche Quarantäne alles zur Hand hat. Wir besorgen ihr in Nachtapotheken und Supermärkten ihre Blutdruck- und Herztabletten, Antiseptikum, Schutzmasken und Essensvorräte. Zum Glück unterstützt mich mein Ehemann bei allem. Wir scheinen nichts vergessen zu haben. Dann ist es 5 Uhr morgens und wir fahren Richtung Flughafen.

Der Alptraum wird für Tadschikistan Wirklichkeit

Seit meiner Abreise begleite ich die ganze Zeit meine Kollegen in Tadschikistan dabei, sich präventiv gegen COVID-19 vorzubereiten. Anfangs war  das neuartige Virus nicht mehr als ein Gerücht. Verdächtige Todesfälle wurden auf normale Lungenentzündungen oder andere Atemwegserkrankungen zurückgeführt. Dennoch haben wir alle unsere Partner und Schützlinge mit dem Notwendigen ausgestattet, um sich vor dem Coronavirus zu schützen. Dann kam der Tag der traurigen Gewissheit. Einen Tag vor der Ankunft der Sonderkommission der WHO bestätigt das Gesundheitsministerium am 30. April offiziell positive Fälle im Land. Damit wird der Alptraum, den wir bislang nur im Fernsehen sahen, auch für das tadschikische Volk Wirklichkeit.

Das medizinische Personal ist sehr froh über die Schutzkleidung, die sie von der Caritas Tadschikistan bekommen haben. Denn so sind sie dem Virus nicht schutzlos ausgeliefert.

Ärzte mit Tränen in den Augen

Doch leider waren alle Versprechen und Zusicherungen der Regierung über die Bereitschaft des Landes, den Schlag zu akzeptieren und die Sorgen zu überwinden, in den ersten Tagen von Misserfolg gekrönt. Panik ergriff die Menschen. Die Krankenhäuser waren am ersten Tag überfüllt. Ärzte weigerten sich, Patienten aufzunehmen. Dann stellte sich heraus, dass das Verbrennen von Gräsern der Art „Hazor Isfand“ und der Verzehr von Knoblauch sowie Ingwer nicht vor einer Infektion schützen, wie vorher viele Menschen geglaubt hatten. Ärzte mit Tränen in den Augen nahmen von uns Hilfe in Form von Schutzanzügen, Hygieneprodukten und Antiseptika in Anspruch. Auch sie haben Angst und müssen sich auf eigene Kosten schützen. Zudem ist es ihnen verboten, über ihre eigene Sicherheit nachzudenken. Sie sind Ärzte und haben den hippokratischen Eid geleistet.

Eine tröstende Gewissheit

Schließlich kann ich die Frage beantworten, die mich seit jenem Abend meiner Abreise quält. Ich bin weg vom meinem Team, von meiner Mutter und meinen Freunden. Ich habe Angst um sie. Einige meiner Freunde haben sich mit COVID-19 infiziert. Einer ist kürzlich verstorben. Ich bin mit meinen Gedanken immer bei ihnen. Aber nun bin ich mir sicher: Ich kann von Deutschland aus viel mehr tun. Hier habe ich Zugang zu gesicherten Informationen, mit denen ich die Situation gut beurteilen kann. So kann ich schnelle Entscheidungen treffen und trotz der Entfernung gut unterstützen. Zudem sehe ich meine Kinder in Sicherheit. Ich bin meinen Kolleginnen vom Herzen dankbar, dass sie auf unsere Ausreise bestanden haben.

Parvina Tadjibaeva mit ihrem Sohn im Homeoffice.

Nach der Ankunft in Deutschland wohnten wir eine Woche lang in einer provisorischen Wohnung von AGIAMONDE in Köln. Dann zogen wir nach Freiburg. Dort fand eine Kollegin von mir eine gemütliche Zweizimmerwohnung für uns. Während ich das schreibe, sehe ich meine Kinder sorgenfrei im Garten spielen. Das gibt mir Seelenfrieden und die nötige Kraft, weiter zu machen.

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