Wir können viel aus der Krise lernen

Katharina Fleiter arbeitet erst seit drei Monaten als Auslandsfachkraft für Caritas international in Mosambik. Sie will die Caritas Mosambik beim Wiederaufbau nach dem Tropensturm Idai unterstützen. Doch in diesen drei Monaten hat die Pandemie ihr Leben bereits gründlich auf den Kopf gestellt. Neben all den Problemen hat sie jedoch Hoffnung, dass die Pandemie auch Positives hervorbringt.

Als ich vor etwas mehr als drei Monaten in meiner neuen Heimat Beira in Zentralmosambik ankam, hatte ich ein paar Ideen im Kopf, wie mein neues Leben und meine neue Arbeit aussehen würden. „Damals“ zählte eine weltweite Pandemie, die meine Gespräche mit Freund_innen, Familie und Kolleg_innen in ein „vor Corona“ und ein „nach Corona“ aufteilt, sicherlich nicht zu meinen Vorstellungen. Doch inzwischen gehört sie zum Alltag, und  das Leben und Arbeiten scheint für mich seit Mitte März aus ständigem Abwägen zu bestehen.

Fliege ich zurück, solange es noch geht? Oder bleibe ich hier?

Diese Frage war für mich noch relativ einfach zu beantworten.  Für mich sind meine Arbeit und mein Leben derzeit hier in Beira. Und das bedeutet auch, Solidarität zu zeigen. Darum war es mir wichtig, die Kolleg_innen und Menschen hier in dieser schweren Zeit zu unterstützen. Dennoch ist es frustrierend, wie wenig ich von meinem Homeoffice aus vor Ort tun kann. Denn das Arbeiten von zu Hause ist eine große Herausforderung angesichts der sehr launischen Internet- und Mobilfunkverbindungen. Da wir weder Skype noch Zoom zum Laufen bringen konnten, treffen wir uns inzwischen doch wieder ein bis zwei Mal die Woche persönlich im Büro für Absprachen. Der Austausch mit dem Kolleg_innen in den Projektgebieten findet weiterhin so gut es geht per WhatsApp-Call statt. Projektbesuche werden nur noch durchgeführt , wenn es sich nicht vermeiden lässt. Von  Deutschland aus wären Kommunikation und Zusammenarbeit aber sicherlich  noch viel schwieriger.

Unser Esszimmer fungiert für meine Mitbewohnerin Silvia und mich derzeit als Homeoffice. Mein anderer Mitbewohner, der dieses Foto aufnahm, zieht es vor, im Garten zu arbeiten.

Was ist wichtiger: Die laufenden Projekte oder die Corona-Prävention?

Seit dem 1. April befinden wir uns im nationalen Ausnahmezustand mit vielen Einschränkungen der Bewegungsfreiheit. Aber glücklicherweise noch nicht in einem vollständigen Lock-Down wie in den Nachbarländern Südafrika und Simbabwe. Damit hat die mosambikanische Regierung nach der Bestätigung der ersten Fälle von COVID-19 Ende März schnell auf die potentiellen Gefahren einer Ausbreitung in einem der ärmsten Länder der Welt mit sehr unzureichender Gesundheitsversorgung reagiert. Gleichzeitig erkennt sie aber damit auch die Risiken eines vollständigen Lock-Downs für die Bevölkerung an. Während wir uns in der WG ohne weiteres für mehrere Wochen mit Vorräten in unserem Haus mit Garten  abschotten können, ist für den Großteil der Mosambikaner_innen der Satz „von der Hand in den Mund leben“ nicht nur eine Redensart. Um zu überleben, müssen sie ihren täglichen Beschäftigungen nachgehen können.

Vor diesem Hintergrund versuchen wir einerseits, die Begünstigten in unseren Projekten und die lokalen Kolleg_innen, die direkt mit ihnen zusammenarbeiten, vor einer Ansteckung zu schützen. Andererseits versuchen wir mithilfe von Schutzausrüstung und Sensibilisierungsmaßnahmen zu ermöglichen, dass unsere Projektaktivitäten unter den gegebenen Umständen so gut es geht weiterlaufen. Denn die existierenden Probleme in Mosambik wie Hunger, unzureichende medizinische und sanitäre Versorgung und klimawandelbedingte Wetterextreme verschwinden nicht einfach. Ihre Auswirkungen werden durch Corona-bedingte Restriktionen und Risiken nur noch verschlimmert.


In sicherer  Distanz: Kollegen von Caritas Beira bei einer  Schulung zu Bewässerungssystemen im Rahmen eines Agrarprojektes. 80 Prozent der mosambikanischen Bevölkerung leben von Subsistenz-Landwirtschaft, was durch wiederkehrende Dürren immer schwieriger wird.

Wie kann ich aus der Ferne für meine Lieben da sein?

Gespräche mit Freund_innen und Familie in Europa vermitteln mir den Eindruck, dass die psychischen Folgen der Corona-Krise noch zu ganz anderen Problemen führen könnten als die direkten Auswirkungen des Virus… Und alles, was ich tun kann, beschränkt sich auf digitalen  Zuspruch aus der Ferne. Angesichts der Restriktionen in Deutschland ist es aber eigentlich schon fast egal, ob man nur zwei Meter oder über Kontinente hinweg voneinander entfernt ist. Solange man nicht im gleichen Haushalt wohnt, kann man sich nicht einmal in den Arm nehmen… Immer wieder höre ich, wie schwer das Vielen fällt – so auch mir. Und auch der Gedanke, dass ich momentan nicht einfach in den Flieger steigen könnte, falls meinen Lieben etwas zustößt, ist kein angenehmer.

Gleichzeitig erlebe ich eine ganz neue Form von Nähe und Austausch, die ich aus dem „normalen“ Alltag so nicht kenne. Zudem werden viele gesellschaftliche Diskussionen angestoßen, die aus meiner Sicht schon lange überfällig sind. Das gibt mir Hoffnung, dass wir viel aus dieser „Krise“ lernen können . Aber auch das „danach“ einige positive Veränderungen mit sich bringt.

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Ein Gedanke zu „Wir können viel aus der Krise lernen“

  1. Hi Katharina, liebe Grüsse aus Langenhagen. Schön von dir zu lesen u. dass es dir gut geht. Bei uns ist alles in Ordnung. Sebastian ist nun schon seit dem 17.3. zu Hause. Alles Liebe u. bleib gesund Erika

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