Rückkehr zu den Protesten

Die libanesische Regierung hatte erstaunlich schnell auf das Coronavirus reagiert und die Zahl der Neuansteckungen lag längere Zeit im einstelligen Bereich. Doch den ersten Lockerungen folgte eine erneute Protestwelle gegen die Regierung, denn die Corona-Krise hat die sozialen Ungleichheiten noch stärker hervortreten lassen – so beobachtet es Caritas-Fachkraft Julia Renck in Beirut.

Inzwischen befinden wir uns leider inmitten einer „zweiten Welle“ an Ansteckungen und einer abermaligen Verschärfung der Beschränkungen. Während der Lockerungen vor der jüngsten Ansteckungswelle konnte man jedoch merken, wie die Menschen etwas aufatmen und das Leben auf die Straßen zurückkehrt, inmitten des bereits fortgeschrittenen Frühlings, der das ganze Land erblühen lässt. Letzte Woche habe auch ich das erste Mal nach fast neun Wochen wieder einen Avocadosaft mit Ashtar (eine Art Joghurt-Sahne) und Nüssen in einem Saftladen im armenischen Viertel gekauft, den ich viel mehr als in Vor-Corona-Zeiten genoss.

Avocadosaft mit Ashtar in Prä-Corona Zeiten.

Soziale Ungleichheiten führen zu neuen Protesten

Dieses schrittweise Auftauchen aus der Corona-Krise war verbunden mit einer neuen Protestwelle gegen die Regierung und das generelle gesellschaftlich-politische System, das sehr stark auf religiöser Zugehörigkeit und ةواسط (Beziehungen) aufbaut. Die sich weiter verschlechternde wirtschaftliche Lage spiegelt sich wider in einem nach oben schnellenden Wechselkurs, der Importe teurer macht, und einer starken Inflation, auch bei Grundnahrungsmitteln. Für vulnerable Gruppen wie die etwa 1,5 Millionen Geflüchteten aus Syrien ist es also weiterhin extrem schwierig, ihren Lebensunterhalt zu sichern und das Nötigste zu bezahlen. Die Gesundheitseinrichtungen der Caritas Libanon verzeichnen immer mehr neue Patient*innen, die sich ihre Medikamente nicht mehr leisten können. Auch die Sozialarbeiter*innen haben alle Hände voll zu damit tun, Cash-Assistance und Nahrungsmittelhilfen zu verteilen. Anpassungen in den Bildungsprojekten scheitern nicht nur an der fehlenden Ausstattung der Begünstigten mit Geräten für ELearning. Viele Eltern berichten, dass sie ihre Kinder erstmal sattbekommen müssen, bevor sie lernen können.

Zur Unterstützung der Bevölkerung möchte die libanesische Regierung einen neuen Kredit beim Internationalen Währungsfonds aufnehmen – ob dieses Geld dann jedoch bei denen ankommt, die es am dringendsten brauchen oder eben doch in den Taschen der politisch-wirtschaftlichen Elite der verschiedenen religiösen Gruppen landet, bleibt abzuwarten. Gerade diesen Gegensatz zwischen extrem armen Menschen, die unter den bescheidensten Bedingungen leben (müssen), der zunehmend verarmenden Mittelschicht und der reichen Klasse, die mit ihren SUVs, teurer Kleidung und Besuchen in exquisiten Restaurants ihren Status demonstriert, finde ich so schwer zu ertragen. Hinzu kommt die starke Privatisierung des Bildungs- und Gesundheitssystems, das gesellschaftlichen Aufstieg durch Bildung und breite gesundheitliche Versorgung verunmöglicht.

Wandern in Zeiten von Corona.

Rückkehr zur Normalität

Ich selbst werde in den nächsten Wochen wohl mein inzwischen gemütlich eingerichtetes Home Office verlassen, zusammen mit den Kolleg*innen von Caritas Libanon im Büro sitzen und endlich wieder Feldbesuche machen können. Ich hoffe sehr, dass das Leben in den nächsten Wochen wieder so „normal“ wie möglich wird. Nur die alternierende Nummernschildregelung, gemäß der nicht mehr alle Motorfahrzeuge gleichzeitig in der Stadt fahren dürfen, sollte meiner Meinung nach bestehen bleiben, da sie den Beiruter Verkehr etwas erträglicher und Fahrradfahren überhaupt erst möglich macht.

Und eine Sache habe ich auf jeden Fall in dieser Zeit der Beschränkungen gewonnen: eine schön bepflanzte Terrasse!

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