Wie lebt es sich in „Lockdown“–Nairobi?

Jürgen Prieske – Caritas-Fachkraft in Kenia – weiß, dass es ihm im Gegensatz zu vielen Einheimischen vergleichsweise gut im Lockdown ergeht. Dennoch spüren auch er und seine Familie die Folgen der Abriegelung Nairobis. Kleinere Zwischenfälle bringen ihn ins Grübeln.

Meine Familie und ich bewegen uns in unserer kleinen, eigentlich kaum betroffenen Welt, wenn man einmal von Mundschutz tragen beim Einkaufen absieht. Ich selber habe weiterhin den Luxus, aus meinem Caritas Germany – Garden Office hinter dem Haus zu arbeiten. Über Ausgangssperren brauche ich mir keine Gedanken machen. Für meine beiden Mitarbeiterinnen haben wir für Transportmöglichkeiten gesorgt, damit sie nicht auf öffentliche Verkehrsmittel zurückgreifen müssen. Und meine Tochter findet langsam Gefallen am veränderten Schulbetrieb mit eLearning. Sie kann morgens länger ausschlafen und teilt sich ihre Arbeit so ein, wie es für sie passt.

Für viele Kenianerinnen und Kenianer ist die Situation deutlich schwieriger

Um die Ausbreitung des Coronavirus zu reduzieren, hat Kenia seit dem 6. April 2020 eine Bewegungseinschränkung für das Stadtgebiet Nairobis sowie für die Küstenregionen Mombasa, Kilifi und Kwale verhängt. Der Stadtteil Eastleigh in Nairobi ist wegen des hohen Anteils von Somalis, die sich dort legal und illegal aufhalten, auch als „Klein-Mogadischu“ bekannt. Dort herrscht ein extrem geschäftiges Leben, mit Handel, Restaurants, Hotels und Wohnhäusern. Menschen leben dort auf recht engem Raum. Auch die Altstadt von Mombasa ist extrem dicht besiedelt mit regem Handel und Leben. Mombasas „Old Town“ ist in normalen Zeiten eine Touristenattraktion.

Die Ausgangsbeschränkungen treffen die Menschen in diesen beiden Stadtteilen besonders hart. Dazu kommt die generelle Ausgangssperre von 19:00 bis 05:00 Uhr. Um vor 19:00 Uhr zuhause zu sein, müssen sich viele Arbeitenden schon um 16:00 Uhr auf den Heimweg machen, zur Arbeit erscheinen sie oft erst um 09:00 Uhr. So ist es für sie schwierig, genug Geld zu verdienen.

Informationen zur Handhygiene wie diese können beim Schutz vor einer Ansteckung helfen.

Werden Menschen während der Ausgangssperre im öffentlichen Raum angetroffen, greifen Polizei und Armee oft recht brutal durch.

Ob all die Maßnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus verhältnismäßig sind, bei 621 Fällen mit 29 Verstorbenen, wird man sicherlich erst in einigen Wochen oderMonaten beurteilen können. Die verhängten Maßnahmen belasten die Bevölkerung in Nairobi (ca. 4,4 Millionen Menschen) und Mombasa (ca. 1,2 Millionen) aber unmittelbar.

Kleine Probleme des Alltags in Lockdown-Nairobi

Auch bei uns gibt es sie natürlich – die kleinen „Corona-Zwischenfälle“, bei denen es doch schwieriger wird. Wegen der üblichen Stromschwankungen ging unsere Wasserpumpe im Haus kaputt. Also kein Wasser, keine Dusche, keine Toilettenspülung …

In „normalen“ Zeiten ärgere ich mich in solchen Fällen mit meinen Vermietern herum, die notwendige Reparaturen nicht ausführen wollen. Am Folgetag rufe ich dann einige Handwerker, die ich im Laufe der letzten zwanzig Jahre selber ausgebildet habe. Und die führen die Reparaturen dann aus. Doch da die mir bekannten Handwerker außerhalb Nairobis leben, können sie nicht zu uns kommen. Also muss ich selber Hand anlegen und die Pumpe austauschen. Natürlich bekommt man nicht die exakt gleiche Pumpe, sondern eine mit leicht abweichenden Abmessungen, was die Arbeiten dann zu einer kleinen Herausforderung werden lässt. Nach einem arbeitsreichen Freitag und Samstag funktioniert dann aber wieder alles und es gab so eine Abwechslung im derzeit eintönigen Tagesablauf.

Zum Arzt wegen Husten und Atembeschwerden

Meine Frau leidet seit vielen Jahren unter wiederkehrenden Atembeschwerden mit Hustenanfällen. Ob das eine allergische Reaktion ist oder andere Gründe hat, konnte bisher bei den verschiedenen Untersuchungen noch nicht eindeutig festgestellt werden. Samstagnacht vor zwei Wochen war der Husten dann so stark und das vorhandene Medikament zur Beruhigung des Hustens fast aufgebraucht. Meine Frau entschied sich dazu, am Sonntagnachmittag einen Arzt aufzusuchen.  In der Praxis zuckten dann erst einmal alle Anwesenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beim ersten kurzen Husten zusammen.

Danach erfolgte dann das, was so eine auf Gewinn fixierte Klinik zu tun hat: Die Anordnung einer langen Liste von teuren Labor-, Röntgen-, EKG- und anderen Untersuchungen. Ein COVID-19 Test war allerdings nicht dabei, wohl aber die Ankündigung zur Einweisung auf eine Intensivstation. Kosten der ersten Abschlagszahlung: das Jahresgehalt einer Haushilfe oder Verkäuferin. Untersuchungen könnten aber erst ab Montag durchgeführt werden.

Daraufhin vereinbaren wir ein Wiederkommen am Montagmorgen, alle Tests wurden durchgeführt, einige Medikamente verschrieben. Auf die Einweisung in eine Intensivstation wurde vom erfahreneren, älteren Arzt verzichtet.

 
Was tun, wenn´s ernst wird?

Natürlich bringt uns ein solcher Zwischenfall ins Grübeln: Wie sorgen wir dafür, dass keiner von uns wirklich krank wird? Oder: Wollen wir wirklich testen, wie gut der in unseren Verträgen festgeschriebene medizinische Notfall–Rückholdienst funktioniert? Doch wir verdrängen derlei Gedanken. Die Flughäfen sind sowieso geschlossenen und daher hoffen wir, dass man im Notfall einen pragmatischen und motivierten Arzt vorfindet.

Ansonsten geht hier alles seinen Gang. Es gibt für uns, die wir ein regelmäßiges Gehalt beziehen, keine wirklichen Engpässe bei der Versorgung. Das Leben in einem so begrenzten Umfeld wird aber irgendwie eintönig. Ich würde gerne wieder in die Projektregionen in Kenia, Uganda, Südsudan und Sudan reisen.

Auch ein Urlaub im Sommer wäre nicht schlecht… 

Doch sind solche Reisen, auch nach Deutschland, wirklich zu verantworten?

Für meine aus Kenia kommende Frau ist Deutschland eindeutig die „gefährlichere“ Region. Sie ermahnt unsere ältere, in Deutschland lebende Tochter, eine Schutzmaske zu tragen und sich regelmäßig die Hände zu waschen …

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