Maske tragen im Rohingya Camp

Vorsicht geboten

Die offizielle Zahl der Infizierten und Corona-Toten im Rohingya-Camp ist niedrig im Vergleich zu den Zahlen der Gesamtbevölkerung in Bangladesch. Liegt es daran, dass weniger getestet wird?


Inmanuel Chayan Biswas, Mitarbeiter der Caritas Bangladesch, berichtet über die Situation zu COVID-19 im Rohingya Camp in Bangladesh.

Am Anfang war die Anzahl der COVID-19-Tests unter den Rohingya etwas niedriger. Die Infizierungsrate der einheimischen Bengalen lag so deutlich höher. Unter den Rohingya gab es verschiedene Gerüchte und Missverständnisse, die sie vom Testen abgehalten haben. Nach und nach konnten die Rohingya ermutigt werden, sich testen zu lassen. Aber die Infektionsrate blieb sehr niedrig. Dies ist auch das Ergebnis der harten Arbeit der humanitären Helferinnen und Helfer.

Innerhalb des Lagers wurden zahlreiche Aktionen zur Sensibilisierung und Prävention ergriffen. Anfang September wurden die alltäglichen Aktivitäten innerhalb des Lagers jedoch allmählich wieder aufgenommen. Seitdem ist die Ansteckungsrate wieder gestiegen. Während wir zwischen Juni und August drei bis fünf Neuansteckungen pro Woche hatten, sind es in den letzten drei Wochen zwei bis drei Neuansteckungen pro Tag. Und das, obwohl etwa gleichviel getestet wird.

Gegenwärtig wird auf die Ermittlung von Kontaktpersonen besonderer Wert gelegt. Und die Testmöglichkeiten wurden erweitert. Wir hoffen, dass es möglich sein wird, schrittweise alle Menschen zu sensibilisieren.


Aufklärunsplakate in Bangladesh
Aufklärungsplakate zu Covid 19 Foto: Caritas Bangladesch

Tragen die Leute Masken?

Die Mehrheit der Rohingya ist sehr zurückhaltend bei der Verwendung von Gesichtsmasken. Verbreitet ist nach wie vor die Auffassung, dass das Überleben in den Händen Gottes liegt. Gott wird das Leben retten, das er gegeben hat. Entwicklungshelfer*innen haben seit Beginn der Epidemie versucht, diesen Gerüchten entgegen zu wirken. Die Regierung von Bangladesch ist bereits dabei, ein “No Mask No Service”-Verfahren einzuführen: Wer keine Maske trägt, erhält keine Dienstleistung.

Durch die Bemühungen öffentlicher und humanitärer Organisationen erhielten fast alle Rohingya wiederverwendbare Stoffmasken. Die Kinder tragen diese häufiger. Die Erwachsenen tragen in den meisten Fällen nur Masken, wenn sie zu einem Verteilungszentrum gehen, um sie den Entwicklungshelfern zu zeigen. Denn wer keine Maske trägt, wird keine Unterstützung erhalten. Wir sind der Meinung, dass vor allem mehr Sensibilisierungsaktivitäten im Lager erforderlich sind.

Selbst bei Aktivitäten im Freien wird das Tragen einer Maske empfohlen und von vielen eingehalten. Foto: Inmanuel Chayan Biswas

Wie sieht es mit Regeln wie Social Distancing im Camp aus?

Social Distancing ist der effektivste Weg, um eine Ansteckung mit COVID-19 zu verhindern. Aber in den überfüllten Rohingya-Flüchtlingslagern ist der nötige Abstand  kaum aufrechtzuerhalten. Zwar haben die Camp-Bewohner*innen gelernt, dass Abstand gewahrt werden muss. In der Realität leben die Menschen jedoch in überfüllten und dürftigen Unterkünften mit bis zu zehn oder mehr Personen in einem Raum. Hinzu kommt die Problematik von Gemeinschaftslatrinen. Außerdem die Restriktionen beim öffentlichen Zugang zu Wasser und die Enge an den kleinen Lebensmittelverteilstellen.

Ein Leitfaden soll vor allem einen sicheren Abstand zu Helferinnen und Helfern garantieren. Bei den Verteilungen muss ein Abstand von einem Meter eingehalten werden. Große Versammlungen wurden verboten. Und die Teilnahme an allen täglichen Aktivitäten wurde auf zehn Personen reduziert. Bei den Aktivitäten der humanitären Organisationen wird der Sicherheitsabstand eingehalten, in ihrem beengten Alltag ist es den Rohingya hingegen meist nicht möglich.

Temperaturmessen im Rohingya-Camp: vor der Warennausgabestelle der Caritas werden die Menschen getestet und müssen Masken Tragen.
Foto: Inmanuel Chayan Biswas

Wie sieht ein typischer Tag im Lager aus Perspektive der Geflüchteten aus?

Das Leben innerhalb des Lagers bewegt sich in ziemlich festgelegten Grenzen. Da alles im Lager straff organisiert ist, gibt es wenig Gelegenheit, sich etwas Neues auszudenken. Die Geflüchteten im Camp wachen gewöhnlich sehr früh am Morgen auf. Dann gehen die Männer in die Moschee, um zu beten. Die Frauen beten zu Hause. Wenn es nach den Gebeten einen Termin für die Abholung von Hilfsgütern gibt, kochen die Frauen zuerst und gehen dann zum Verteilungszentrum. Wenn es keinen Termin gibt, bleiben sie den ganzen Tag sie zu Hause. Oder sie gehen in eines der Frauenzentren einer Hilfsorganisation.

Die Kinder des Hauses gehen morgens in die Schule und in Kindereinrichtungen der Caritas und anderer Hilfsorganisationen. Die Männer gehen nach dem Frühstück zur Arbeit, sofern sie die Möglichkeit haben, irgendwo zu arbeiten. Die Männer erhalten die Gelegenheit, maximal zehn bis zwölf Tage im Monat zu arbeiten. Den Rest des Monats verbringen sie gezwungenermaßen untätig, weil sie keine anderen Arbeits- oder Freizeitmöglichkeiten haben. Um 16 Uhr haben die humanitären Helfer aller Organisationen das Lager verlassen. Die Rohingya gehen meist früh zu Bett. Denn im Lager gibt es nicht genügend Elektrizität und keine Unterhaltungsmöglichkeiten.

Die COVID-19-Pandemie hat den Gesamtzustand des Lagers verändert. Es gibt kaum noch Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Viele Familien haben nicht mehr genug Geld für das Nötigste.

Das ausgiebige Händewaschen ist in der Familie von Dilhar eine präventive Zeremonie geworden. Foto: Inmanuel Chayan Biswas

Welchen Herausforderungen – vom Alltag im Lager einmal abgesehen – müssen sich die Rohingya stellen?

Fast eine Million Menschen in der Rohingya-Gemeinde sehen sich gleich mehreren Herausforderungen auf einmal gegenüber: Es gibt starke Regenfälle. Der Zustand der Unterkünfte verschlechtert sich. Die Angst vor Erdrutschen und Überschwemmungen nimmt zu. Und der Konflikt zwischen Rohingya und den Menschen der Gastgemeinde belastet die Menschen… und vieles mehr.

Und jetzt noch Corona: Bis zum 30. September 2020 wurden in den Lagern insgesamt acht Todesfälle und 259 bestätigte Fälle von COVID-19 festgestellt. Früher wurden schwer Erkrankte an das Ukhiya General Hospital oder das Cox’s Bazar Medical College überwiesen. Aber in der gegenwärtigen Situation werden Erkrankte innerhalb der Lager behandelt. Gesundheitsorganisationen haben zumindest die erforderlichen Einrichtungen dafür in den Lagern entwickelt.


Inmanuel Chayan Biswas ist Kommunikator des Nothilfeprogramms der Caritas Bangladesch für die Rohingya-Gemeinschaft in Cox’s Bazar. Er ist seit 2018 mit der Rohingya-Krise befasst und arbeitet derzeit als Einsatzleiter. Wir sprachen mit ihm über die Situation des größten Flüchtlingslagers der Welt inmitten der COVID-19-Pandemie.

Oktober 2020

Mehr zur Arbeit der Caritas im Rohinya-Camp in Bangladesh

Inmanuel Chayan Biswas bei seiner Arbeit im Rohingya-Camp

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