Nothilfe in St. Petersburg

EindrÜcke aus dem Corona-Hotspot St. Petersburg

Die Corona-Lage in Russland ist prekär. Die Zahl der Schwerkranken beläuft sich auf Zehntausende, Hunderte sterben täglich. „Jeder Tag bringt immer schlimmere Nachrichten.“ Das berichtet uns Natalia Pewzowa, die Direktorin der Caritas in St. Petersburg. In unserem Blog beschreibt sie die Lage in der russischen Millionenstadt.


Manchmal erinnert mich die jetzige Situation an die Lage in den 1990er Jahren, als wir hier in St. Petersburg gerade mit unserer Arbeit begonnen haben. Heute suchen wieder jeden Tag Menschen Hilfe bei uns, und es werden immer mehr. Sie sagen: „Helft bitte, wir haben kein Essen für unsere Kinder.“ Nach 30 Jahren der Armutsbekämpfung stehen wir vor denselben Problemen wie damals.

Die Hauptursache für die steigende Armut in der Stadt ist der Verlust von Arbeitsplätzen und der starke Rückgang der Familieneinkommen  wegen „Kurzarbeit“ oder erzwungener Teilzeitarbeit.

Falle von häuslicher Gewalt während der Pandemie mehr als verdoppelt

Die Kriminalität hat seit Corona zugenommen –  nicht nur auf der Straße, sondern auch im Privaten. Die russische Menschenrechtsbeauftragte Tatjana Moskalkowa stellte kürzlich fest, dass die Fälle von häuslicher Gewalt während der Zeit der Ausgangsbeschränkungen um das 2,5-fache angestiegen sind. Auch das Gesundheitssystem der Stadt ist überfordert. Geplante Operationen werden aufgeschoben, was zu einer verspäteten medizinischen Versorgung und einer mit dem Corona-Virus verbundenen “Übersterblichkeit” führt. Die Pandemie hat auch dazu geführt, dass in St. Petersburg die Zahl der Schlaganfälle steigt.

Wöchentlich verschärft die Stadtverwaltung die Maßnahmen. Masken und Abstandsgebote sind  auch hier in St. Petersburg ein fester Bestandteil unseres Lebens geworden. Doch es mangelt an Aufklärung. Es sind schon neun Bürger gestorben, weil sie Desinfektionsmittel getrunken haben.

Alte Menschen besonders hart getroffen

Personen ab 65 Jahren dürfen das Haus nicht verlassen, (außer zum nächsten Einkaufsladen und zur nächsten Klinik). Für sie ist die Lage gerade besonders schlimm. Der Staat hat viele soziale Dienste eingestellt,  unter anderem die kostenlose häusliche Pflege. Das bedeutet für viele alte Menschen, dass sie wochenlang mit Niemandem kommunizieren. Suppenküchen sowie andere soziale und medizinische Einrichtungen können sie nicht mehr besuchen. Sofern sie noch Angehörige haben, sind diese mit der Pflege oftmals überfordert – vor allem, weil die Schulen nach und nach wieder geschlossen werden und die Kinder zu Hause unterrichtet werden müssen.

Die Mitarbeitenden der Caritas St. Petersburg arbeiten trotz der Corona-Gefahr weiter. Die Zahl der Bedürftigen ist in der Pandemie sprunghaft angestiegen. Foto: Caritas St. Petersburg

Hier werden wir von der Caritas aktiv: Verzweifelte Mütter und Angehörige von alten und kranken Menschen rufen uns an und bitten um Hilfe. Es haben uns Frauen per Skype angerufen und uns Spuren der Gewalt an ihrem Körper gezeigt, verursacht durch ihre Ehemänner oder Partner. Sogar Ärzte aus den Klinken melden sich – sie kommen mit der Versorgung nicht mehr hinterher, es mangelt an Pflegepersonal.

„Wir bekommen E-Mails mit Fotos von leeren Kühlschränken.“

Natalia Pewzowa, Direktorin Caritas St. Petersburg

In dieser prekären Lage haben wir von der Caritas St. Petersburg eine Entscheidung getroffen: Trotz der durch die Stadtregierung eingeführten Beschränkungen werden wir weiterarbeiten und unsere Maßnahmen nicht einstellen. Dank Renovabis und dem Deutschen Caritasverband sind alle unsere Mitarbeitenden und Ehrenamtlichen mit Desinfektionsmitteln und mit Masken versorgt. In den Räumen all unserer Projekte haben wir  Luftfilter aufgestellt.

Angst vor dem Winter

Unsere Suppenküchen für Obdachlose und Arme bieten jetzt warme Mahlzeiten „zum Mitnehmen“ an. Die Zahl der verteilten Portionen ist von von 500 auf 800 pro Tag gestiegen. Angst habe ich nur vor den kalten Wintertagen. Unsere Suppenküchen waren die einzigen Orte, wo arme Menschen eine warme Mahlzeit bekommen und unter humanen Bedingungen in der Wärme essen konnten. Wegen der Pandemie wird das dieses Jahr wohl nicht gehen.

Auch die Caritas-Kinderbetreuung läuft weiter, natürlich unter strengen Hygieneauflagen. Dafür sind uns die Eltern sehr dankbar. Doch auch sie selbst brauchen jetzt öfters Hilfe, weil die Doppelbelastung in der Pandemie sie zermürbt. Hier helfen unsere Psychologen und Psychologinnen.

Wir bieten unsere Hilfen und Informationskampagnen jetzt auch online an. Was ich nicht erwartet habe: Es schalten sich immer mehr Zuhörer aus kleinen Städten Russlands hinzu. Die durch die Pandemie vorangetriebene Digitalisierung unserer Hilfen hat also etwas Positives. Menschen  profitieren von unseren Angeboten, die es so bei ihnen sonst noch nicht gibt.

Liebe Freundinnen und Freunde in Deutschland, vielen Dank für Ihre Unterstützung unserer Arbeit in einer so schwierigen Zeit!

Ihre Natalia Pewzowa

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