Dürre Zeiten im Norden Kenias - Zeigenherden auf der Suche nach Wasser

Neues von der Klimafront

Wir schauen hier im Rückblick auf das Fieberthermometer der Ede. Denn Erderwärmung und Klimawandel fordern die Arbeit der Humanitären Hilfewerke heraus: Taifune, Wirbelstürme, Heuschreckenplagen


Hunderttausende protestierten Ende September 2020 für eine bessere Klimapolitik – in rund 150 Ländern. Mit den Slogans „Maske auf – Emissionen runter“ positioniert sich die Klimabewegung inmitten der Corona Pandemie in Deutschland. Doch auch weltweit gab es trotz Pandemie an über 3.500 Orten Klimaaktionen von Fridays4Future. Auch fünf Jahre nach dem Abschluss des Pariser Klimaabkommens, macht die Bewegung auf den Klimawandel aufmerksam.

 „Tell the Truth“ (sagt die Wahrheit), so lautet eine Forderung der Bewegung Extinction Rebellion. Sie macht vor allem auch auf das  Artensterben aufmerksam, das sich nicht trennen lässt von der teils zerstörerischen Bewirtschaftung des Planeten. Gemeint ist die Wahrheit über die Wucht der Klimafolgen. Gefordert wird sofortiges Handeln der Politik.

An dieser Stelle fassen wir die Ergebnisse einiger Studien der letzten Monate zusammen – denn wer besser informiert ist, kann besser argumentieren und sich eine vorinformierte Meinung darüber bilden, was angesichts der Klimakrise zu tun ist.

Hier geht es zum Dossier “Klimagerechtigkeit für die Ärmsten weltweit” von Caritas international

Die heißesten Jahre seit der Wetteraufzeichnung

Laut dem aktuellen Klimabericht der Vereinten Nationen zählen die Jahre 2016 bis 2020 zur wärmsten Fünfjahresperiode seit der Wetteraufzeichnung.

Als größte Bedrohungen der Erderwärmung sehen die Autor*innen des UN Klimaberichts von September 2020 Stürme und Überflutungen, aber auch Wasserknappheit und – in der Folge – eine unsichere Versorgung mit Lebensmitteln.

Eine weitere Kernaussage des neuen gemeinsamen Berichts[i] der Vereinten Nationen und der Weltwetterorganisation WMO mit dem Titel „Vereint in der Wissenschaft“ besagt: Das Klima erwärmt sich weiter, mit rasanter Geschwindigkeit. Daran hat auch der weltweite Lockdown durch die Corona-Pandemie wenig geändert.

Bisher steuert die Welt auf einen

Temperaturanstieg bis 2100 von mehr als drei Grad zu.

Während des Lockdowns Anfang April 2020 sanken die fossilen CO2-Emissionen im Vergleich zu 2019 zwar um 17 Prozent. Trotzdem entsprachen die Emissionen immer noch dem Niveau von 2006. Und der Emission Gap Report des Umweltprogramms der Vereinten Nationen UNEP errechnet: Die CO2-Emissionen werden wegen der weltweiten Corona-Lockdowns in 2020 um bis zu sieben Prozent gegenüber 2019 sinken. Doch damit würde  die Lücke zwischen den bisherigen Klimaplänen der Länder und den Zielen des Klimaabkommens von Paris kaum verändert. Bisher steuere die Welt auf einen Temperaturanstieg bis 2100 von mehr als drei Grad zu. Damit würde der Klimawandel nicht mehr beherrschbare Formen annehmen.


Erdüberlastungstag

Corona verschiebt den “Erdüberlastungstag” um mehr als drei Wochen nach hinten. Im vergangenen Jahr war er bereits am 29. Juli erreicht, dieses Jahr erst am 22. August. Eine Entwarnung ist das nicht. Der Erdüberlastungstag wird berechnet vom Global Footprint Network. Er markiert den Zeitpunkt im Jahr, bis zu dem die Menschen bereits so viel Leistungen von der Erde beansprucht haben – also Energie und Ressourcen – wie alle Ökosysteme im gesamten Jahr erneuern können. Von einer Atempause für den Planeten kann also kaum die Rede sein.


Die schwerste Folge der Erwärmung ist Vertreibung

Das Institut für Wirtschaft und Frieden (IEP), ein unabhängiger Think Tank, erstellt unter anderem den Index der Länder mit der größten Bedrohung des Friedens durch ökologische Veränderungen. Es prognostiziert in seinem jüngsten Bericht vom 9. September weitere Fluchtbewegungen im Kontext von Klimawandel und Konflikten.

“Betroffen sind mehr als eine Milliarde Menschen”

Der Bericht von 2020 schätzt: 31 Staaten sind nicht widerstandsfähig genug, um die ökologischen und politischen Veränderungen der kommenden Jahrzehnte aufzufangen. Es bestehe die Gefahr, dass die Bewohner*innen dieser Länder gezwungen sein werden, umzusiedeln oder zu fliehen. Betroffen sind mehr als eine Milliarde Menschen.

Der Zusammenhang zwischen politischen Konflikten und ökologischen Bedrohungen wirke wie ein Teufelskreis: Je weniger Frieden in einer Region herrsche, desto eher drohe der Kollaps, schreibt ein Autor der Studie.


Frau auf einem trockenen Feld pflanzt Tomaten. Dank des von den Caritas-Partnern gebauen Brunnens wird sie die Setzlinge gießen können.
Tomaten zum Überleben: Mehari Temelso setzt Tomatenpflänzchen im großen Stil. Ihre zehnköpfige Familie muss ernährt werden – und da ist der Garten eine willkommene Ergänzung zu den Feldern der Bauernfamilie. Damit sie Wasser zum Gießen haben, hat die katholische Hilfsorganisation „Adigrat Catholic Secretariat“ offene Wasserleitungen verlegt, die das Tal in der Diözese Adigrat versorgen können. Wie fast alle Bauernfamilien in Nordäthiopien, sorgen sich die Menschen hier um ihr Überleben. Foto: Bente Stachowske / Caritas international

Reichtum wirkt als Klimakiller

Laut einer Oxfam-Studie vom 21. September 2020 schädigt das reichste Prozent der Weltbevölkerung das Klima doppelt so stark wie die ärmere Hälfte der Welt.

Gerne wird die globale Mittelklasse für den starken Anstieg der Treibhausgase verantwortlich gemacht. Doch der Bericht mit dem Titel „Confronting Carbon Inequality” (Bekämpfung der CO2-Ungleichheit) zeigt: die reichsten zehn Prozent – im Jahresschnitt 630 Millionen Menschen – sind für rund die Hälfte (für genau: 52 Prozent) der Treibhausgas-Emissionen verantwortlich.

“Das reichste eine Prozent alleine schädigte das Klima sogar doppelt so stark wie die ärmere Hälfte der Welt”

Die Studie untersuchte 117 Länder über einen Zeitraum von einem Vierteljahrhundert – den klimapolitisch wichtigen Jahren 1990 bis 2015. Sie zeigt auf, für welchen Anteil an den Emissionen die einzelnen Einkommensgruppen verantwortlich sind. Das reichste eine Prozent alleine schädigte das Klima sogar doppelt so stark wie die ärmere Hälfte der Welt: Es verantwortete 15 Prozent der Gesamtemissionen. Die ärmere Hälfte hingegen nur rund sieben Prozent.


Artensterben in der Klimakrise

Mit dem Jahr 2020 geht eine UN-Dekade zu Ende, die Dekade der Vielfalt des Lebens. Erneut scheint die Ausgangslage alarmierender als am Anfang des Jahrzehnts.

Der Mitte September veröffentlichte fünfte Bericht zur Vielfalt an Arten, Genen und Ökosystemen, auch „Global Biodiversity Outlook“ genannt, klingt ernüchternd. Ihm zufolge hat die internationale Staatengemeinschaft es versäumt, den dramatischen Verlust der biologischen Vielfalt zu stoppen. Kein einziges der zwanzig  Ziele der Biodiversitätskonvention für die Zeit von 2011 bis 2020 wurde gänzlich erreicht, sechs Ziele teilweise.

Die biologische Vielfalt und die Leistungen von Ökosystemen wie Nahrung, sauberes Wasser und Medizin sind für das Überleben der Menschheit essenziell – doch der Verlust der Biodiversität und dessen Ursachen schreiten mit großer Geschwindigkeit voran. Auch der Bericht des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) der Vereinten Nationen von 2019 zeigt: Der Mensch zerstört die Natur so stark, dass er selbst gefährdet ist.

Die Organisation The Conservancy, das Paulson Institute und das Cornell Atkinson Center for Sustainability berechneten für eine ebenfalls neu erschienenen Studie, dass es der Weltgemeinschaft  700 Milliarden Dollar koste, wolle man die Biodiversitätskrise lösen.[i]


Soziale Kipppunkte – soziale Dynamik

Das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung brachte im Januar 2020 eine Diskussion über gesellschaftliche Kipppunkte in die Klimadebatte ein. Ein interdisziplinäres Forscherteam hat geeignete gesellschaftliche „Kippmechanismen“ untersucht, die eine beschleunigte Dekarbonisierung der Wirtschaft und des Konsums voranbringen. [i]

Demnach sind eine klimaneutrale Stromerzeugung und ein Divestment (also der Abzug von Finanzen aus Wirtschaftssektoren, die das Klima belasten) die wichtigsten kurzfristigen treibenden Kräfte.

Wo sind die positiven Botschaften?

Das fragt man sich angesichts der Faktenlage immer wieder. Doch die war auch vor fünf Jahren miserabel, als das Klimaabkommen von Paris nur mit Ach und Krach verabschiedet werden konnte.

Seither ist die Klimabewegung gewachsen. Seither nimmt die Expertise beim Klimaschutz zu. Transition Town hat beispielhaft gezeigt, wie das Leben auch in Städten klimafreundlich werden kann. Und seither wachsen weltweit Bündnisse, die Fragen der Gerechtigkeit in die Klimapolitik hieven.

Sicher, allein die Wertschätzung der vielen kleinen Initiativen kann das Klima nicht retten, solange Kohle und Erdöl die Klimabilanzen versauen. Doch die lokalen Bewegungen könnten auch wirken wie Flügelschläge vieler Schmetterlinge: Sie könnten die Haltung und das Wertesystem der Menschen ändern. Und Bildung ist ein Baustein, denn wer mehr weiß, wird umsichtiger handeln. Eine klimabewusste Haltung der Gesellschaft kann dazu führen, dass ein kleiner Eingriff das ganze System dauerhaft verändert. Hin zu einem fundamental klimafreundlicheren Zustand.

Den Fokus auch auf diese positiven sozialen Dynamiken beim Klimawandel zu legen, ist wichtig. Auf die vielen Bündnisse, die sich für Klimaschutz und ein soziales Miteinander einsetzen, damit das Gemeinsame Haus nicht auseinanderbricht.

Eine Bäuerin in Kambodscha in einem Kübisfeld. An die veränderten Regenzeiten muss sie sich anpassen.
Kambodschanische Kleinbauern kämpfen mit den Folgen des Klimawandels. Seit einigen Jahren wird die Abfolge von Regen- und Trockenzeiten immer unzuverlässiger. Das einstmals als Reisschüssel Südostasiens bekannte Land versinkt immer öfter im Hochwasser. Caritas international legt mit den Kleinbäuerinnen und Kleinbauern Gemüsegärten an und sucht nach angepassten Bewasserungssystemen. Foto: Bente Stachowske / Caritas international

Download Klimabroschüre von Caritas international hier

Download Brüschüre Klimawandel und Humanitäre Hilfe

In der “Im Fokus”-Ausgabe “Klimawandel & Humanitäre Hilfe” geben wir Einblicke in die Probleme, die der Klimawandel für die Humanitäre Hilfe bringt. Es geht um Nothilfe, Strategien der Anpassung und die Frage nach Gerechtigkeit.

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