Alle Beiträge von Holger Vieth

Der Politikwissenschaftler und ehemalige Agenturjournalist ist seit 2014 bei Caritas international. Als Pressereferent und Online-Redakteur kümmert er sich um Medienanfragen aller Art und versucht den Spendern die vielen Projekte mit viel Farbe näher zu bringen.

„Proteste sind Schrei nach Gerechtigkeit“

Der Krieg in Syrien stellt auch für die Menschen des vergleichsweise kleinen Libanon eine große Herausforderung dar. Noch immer beherbergt der Staat hunderttausende Geflüchtete aus dem Nachbarland. Parallel gehen die Proteste gegen die Regierung in eine neue Phase. Im Interview gibt Paul Karam, Präsident der Caritas Libanon, Einblicke in die Situation vor Ort – und wählt deutliche Worte.

Father Paul Karam, Präsident Caritas Libanon

Wie positionieren sich die katholische Kirche und die libanesische Caritas gegenüber den Protesten im Land?

Wir müssen das Politische und unsere humanitäre Arbeit voneinander trennen. Es ist wichtig für unsere Glaubwürdigkeit, dass wir als soziale Organisation gesehen werden, die allen Menschen hilft – egal welcher Konfession, ethnischer Gruppe oder politischen Richtung sie angehören. Das ist es, was uns als Caritas seit jeher auszeichnet. Auf der anderen Seite können wir aber auch nicht so tun, als gingen die Proteste spurlos an uns vorbei.

Ich habe persönlich mit vielen Demonstrierenden gesprochen, sodass ich ihre Sichtweise gut kenne. Wir verstehen ihre Proteste als „Schrei nach Gerechtigkeit“. Denn mit Blick auf die Politik unseres Landes und ihre Repräsentanten muss man feststellen, dass es derzeit keine Gerechtigkeit gibt. Wir befinden uns mittlerweile in der Situation, dass unsere gesamte Gesellschaft sagt, dass sie genug hat. Die findet, dass es eine neue politische Strategie für das Land geben muss. Ich hoffe wirklich sehr, dass wir es schaffen, der jungen Generation eine bessere Zukunft bieten zu können.

Warum ist es erst jetzt zu den Protesten gekommen, schließlich dauert die politische Misswirtschaft bereits seit vielen Jahren an?

Es gibt ja das Sprichwort „Besser spät als nie“. Wir haben die „Schreie der Hoffnungslosen“ nicht erst seit dem Beginn der Demonstrationen am 17. Oktober 2019 vernommen. Es gab sie schon deutlich früher, eigentlich immer wieder seit dem Ende des Bürgerkriegs im Jahr 1990. Denn das damals etablierte politische System ist unausgewogen, was zu vielen weiteren Ungerechtigkeiten geführt hat. Wir mussten etwa miterleben, wie die Korruption Jahr für Jahr gewachsen ist.

Es stimmt, dass die Proteste spät erfolgen. Ich finde aber auch, dass all diejenigen, die nicht zufrieden sind mit den regierenden Politikern, diesen Unmut auch durch den Gang zur Wahl vor eineinhalb Jahren hätten ausdrücken können. Nur rund 50 Prozent der Wahlberechtigten haben damals ihre Stimme abgegeben. Man muss sich einbringen und kann nicht passiv bleiben und erst dann aktiv werden. Aber es ist natürlich auch besser, als gar nicht aktiv zu werden. Ein Grundproblem bleibt aber weiter ungelöst: Dass der verhältnismäßig kleine Libanon ein Spielball von vielen anderen Mächten ist, die in der Region ihre eigenen Interessen verfolgen.

Die Caritas Libanon bietet in Beirut Hausaufgaben- und Nachmittagsbetreuung an sechs staatlichen oder halbstaatlichen Schulen an.

Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit mit Caritas international?

Wir sind wirklich sehr dankbar für das, was Caritas international für uns getan hat und weiterhin tut. Wir haben viele Projekte gemeinsam durchgeführt, einige reichen schon Jahrzehnte zurück. Ein großer Fokus lag in den vergangenen Jahren auf der Hilfe für syrische Flüchtlinge. Und die libanesische Gesellschaft hat die Menschen aus seinem Nachbarland mit einem hohen Maß an Solidarität aufgenommen – niemand wird das bestreiten können. Doch heute sind es in besonderem Maße die Libanesinnen und Libanesen selbst, die in Not geraten sind. Sie werden ärmer und ärmer. Die Arbeitslosenquote ist in den vergangenen Monaten und Jahren dramatisch gestiegen. Dazu kommt die Tatsache, dass dieses kleine Land nach wie vor eine große Anzahl an Flüchtlingen aus Syrien und Palästina beherbergt. Stellen Sie sich vor, in Deutschland würden 25 Millionen Flüchtlinge leben, denn das wäre die Relation, und welche Auswirkungen das auf das tägliche Leben hätte. Die Menschen im Libanon brauchen Unterstützung. Sie leiden seit langer Zeit und schlittern von einer Krise in die nächste. Sie haben es verdient, Hilfe zu bekommen. Wir hoffen dabei auf die Solidarität unseres Caritas-Netzwerks und die internationaler Organisationen, um dieser schwierigen Situation für die Menschen im Libanon bestmöglich begegnen zu können.

Indonesien: Nachbeben der großen Katastrophe

Jetzt habe auch ich eine ungefähre Ahnung davon, wie sich ein richtiges Erdbeben anfühlen könnte. Am 17.1. tanzte in meinem Zimmer in einem Gasthaus in Palu auf Sulawesi drei Sekunden lang die Erde. Für die Menschen hier ist ein solcher Erdstoß kaum der Erwähnung wert. Es handelte sich um eines der zig kleinen Nachbeben, von der Regierung wird es auf eine Magnitude von nur 4,1 eingestuft.

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Indonesien: „Willkommen in Mordor“

Er ist für die Bewohner Westjavas wahrlich zu einer Art Schicksalsberg geworden: Der Krakatau-Vulkan, der wenige Kilometer vor der Küste der indonesischen Insel aus dem Wasser ragt. Und noch immer brodelt er, mehr als drei Wochen nachdem ein riesiger Erdrutsch infolge seiner Aktivität einen rund fünf Meter hohen Tsunami ausgelöst hat. Indonesien: „Willkommen in Mordor“ weiterlesen

„Die Erde tanzt gerade“ – Indonesien nach dem Tsunami

Oft beweisen gerade Menschen mit besonders harten Schicksalen den größten Humor. So auch Radja Dhana, ein Kokosnussverkäufer, der mir am Strand von Banten auf der Insel Java begegnet, jener Region Indonesiens, die der Tsunami Ende Dezember schwer getroffen hat. Nachdem Radja eine frische Kokosnuss mit der Machete aufgeschlitzt hat und seine um ihn herum stehenden Kunden das Wasser ausgetrunken haben, schnitzt er mehrere Löffel aus Resten der Frucht und sagt zu uns: „Tut mir ja leid, dass ihr nur diese bekommt. Aber der Tsunami hat alle meine Löffel weggespült“, und lacht. Sein Scherz ist angesichts von über 400 Toten infolge der Katastrophe etwas makaber, doch ist nicht gerade Humor und Leichtigkeit das, was den Menschen in dieser schwierigen Situation ein wenig Normalität und Halt wiedergibt?

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Japan: Die Geisterstadt

Je näher man sich an die Geisterstadt Namie, nur wenige Kilometer vom Unglücksreaktor Fukushima Daiichi heranwagt, desto gespenstiger wirkt die Landschaft. Das Straßenbild ist geprägt  von Polizisten in Schutzanzügen und Dekontaminationstrupps. An den Tankstellen wird schon lange kein Benzin mehr verkauft und viele Häuser sind verbarrikadiert. Japan: Die Geisterstadt weiterlesen

Japan: Neues aus Fukushima

Jeder der Bewohner der Region Fukushima kann seine ganz persönliche Geschichte zu den Ereignissen vom 11. März 2011 erzählen. Auch fünf Jahre nach dem Erdbeben, dem Tsunami und dem atomaren Super-Gau an Japans Küste benötigen viele der Betroffenen noch Unterstützung.  Japan: Neues aus Fukushima weiterlesen

Peru: Die Diva der Pflanzenwelt

Nachdem wir unsere kleinen Wunden verarztet haben – denn im bolivianischen Regenwald sind auch allerlei blutsaugende Insekten heimisch – machen wir uns auf den Weg nach Peru. Die Caritas Madre de Dios unterstützt dort Bauern beim Kakaoanbau.  Peru: Die Diva der Pflanzenwelt weiterlesen

Bolivien: Welcome to the Jungle

Mehr als 3000 Meter geht es für uns in die Tiefe. Auf dem possierlichen Flughafen im nordbolivianischen Cobija angekommen (hier wird das Gepäck noch ganz manuell verladen und an den Mann oder die Frau gebracht), laufen wir direkt in eine Wand aus Hitze und Feuchtigkeit. Bolivien: Welcome to the Jungle weiterlesen

Bolivien: Stippvisite in luftiger Höhe

Es ist nicht übertrieben: Die Luft in La Paz ist ziemlich dünn – und in dem Moment, in dem ich in der bolivianischen Metropole aus dem Flugzeug steige, kann ich nicht mehr verstehen, warum dicke Luft gemeinhin als etwas Schlechtes gilt. Bolivien: Stippvisite in luftiger Höhe weiterlesen