Archiv der Kategorie: Konflikte und Krisen

Caritas international leistet Hilfe für Menschen in Konflikt- und Krisengebieten.

„Proteste sind Schrei nach Gerechtigkeit“

Der Krieg in Syrien stellt auch für die Menschen des vergleichsweise kleinen Libanon eine große Herausforderung dar. Noch immer beherbergt der Staat hunderttausende Geflüchtete aus dem Nachbarland. Parallel gehen die Proteste gegen die Regierung in eine neue Phase. Im Interview gibt Paul Karam, Präsident der Caritas Libanon, Einblicke in die Situation vor Ort – und wählt deutliche Worte.

Father Paul Karam, Präsident Caritas Libanon

Wie positionieren sich die katholische Kirche und die libanesische Caritas gegenüber den Protesten im Land?

Wir müssen das Politische und unsere humanitäre Arbeit voneinander trennen. Es ist wichtig für unsere Glaubwürdigkeit, dass wir als soziale Organisation gesehen werden, die allen Menschen hilft – egal welcher Konfession, ethnischer Gruppe oder politischen Richtung sie angehören. Das ist es, was uns als Caritas seit jeher auszeichnet. Auf der anderen Seite können wir aber auch nicht so tun, als gingen die Proteste spurlos an uns vorbei.

Ich habe persönlich mit vielen Demonstrierenden gesprochen, sodass ich ihre Sichtweise gut kenne. Wir verstehen ihre Proteste als „Schrei nach Gerechtigkeit“. Denn mit Blick auf die Politik unseres Landes und ihre Repräsentanten muss man feststellen, dass es derzeit keine Gerechtigkeit gibt. Wir befinden uns mittlerweile in der Situation, dass unsere gesamte Gesellschaft sagt, dass sie genug hat. Die findet, dass es eine neue politische Strategie für das Land geben muss. Ich hoffe wirklich sehr, dass wir es schaffen, der jungen Generation eine bessere Zukunft bieten zu können.

Warum ist es erst jetzt zu den Protesten gekommen, schließlich dauert die politische Misswirtschaft bereits seit vielen Jahren an?

Es gibt ja das Sprichwort „Besser spät als nie“. Wir haben die „Schreie der Hoffnungslosen“ nicht erst seit dem Beginn der Demonstrationen am 17. Oktober 2019 vernommen. Es gab sie schon deutlich früher, eigentlich immer wieder seit dem Ende des Bürgerkriegs im Jahr 1990. Denn das damals etablierte politische System ist unausgewogen, was zu vielen weiteren Ungerechtigkeiten geführt hat. Wir mussten etwa miterleben, wie die Korruption Jahr für Jahr gewachsen ist.

Es stimmt, dass die Proteste spät erfolgen. Ich finde aber auch, dass all diejenigen, die nicht zufrieden sind mit den regierenden Politikern, diesen Unmut auch durch den Gang zur Wahl vor eineinhalb Jahren hätten ausdrücken können. Nur rund 50 Prozent der Wahlberechtigten haben damals ihre Stimme abgegeben. Man muss sich einbringen und kann nicht passiv bleiben und erst dann aktiv werden. Aber es ist natürlich auch besser, als gar nicht aktiv zu werden. Ein Grundproblem bleibt aber weiter ungelöst: Dass der verhältnismäßig kleine Libanon ein Spielball von vielen anderen Mächten ist, die in der Region ihre eigenen Interessen verfolgen.

Die Caritas Libanon bietet in Beirut Hausaufgaben- und Nachmittagsbetreuung an sechs staatlichen oder halbstaatlichen Schulen an.

Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit mit Caritas international?

Wir sind wirklich sehr dankbar für das, was Caritas international für uns getan hat und weiterhin tut. Wir haben viele Projekte gemeinsam durchgeführt, einige reichen schon Jahrzehnte zurück. Ein großer Fokus lag in den vergangenen Jahren auf der Hilfe für syrische Flüchtlinge. Und die libanesische Gesellschaft hat die Menschen aus seinem Nachbarland mit einem hohen Maß an Solidarität aufgenommen – niemand wird das bestreiten können. Doch heute sind es in besonderem Maße die Libanesinnen und Libanesen selbst, die in Not geraten sind. Sie werden ärmer und ärmer. Die Arbeitslosenquote ist in den vergangenen Monaten und Jahren dramatisch gestiegen. Dazu kommt die Tatsache, dass dieses kleine Land nach wie vor eine große Anzahl an Flüchtlingen aus Syrien und Palästina beherbergt. Stellen Sie sich vor, in Deutschland würden 25 Millionen Flüchtlinge leben, denn das wäre die Relation, und welche Auswirkungen das auf das tägliche Leben hätte. Die Menschen im Libanon brauchen Unterstützung. Sie leiden seit langer Zeit und schlittern von einer Krise in die nächste. Sie haben es verdient, Hilfe zu bekommen. Wir hoffen dabei auf die Solidarität unseres Caritas-Netzwerks und die internationaler Organisationen, um dieser schwierigen Situation für die Menschen im Libanon bestmöglich begegnen zu können.

Ukraine Teil 5: Die Eindrücke ausdrücken

Es war meine erste Dialogreise mit Caritas international. Ich würde sie auch als „Soziale Studienfahrt“ bezeichnen. Denn gelernt habe ich eine Menge. Ukraine Teil 5: Die Eindrücke ausdrücken weiterlesen

Ukraine Teil 4: Vertrieben im eigenen Land

Es ist still heute im Bus. Keine Scherze, kein Flachsen der Teilnehmenden der Ukraine-Dialogreise. Die Erlebnisse beim Stopp auf der Fahrt von Dnipro nach Odessa müssen auch altgediente Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter erstmal verdauen.

Ukraine Teil 4: Vertrieben im eigenen Land weiterlesen

Ukraine Teil 3: Von Verliebtheit und Todesschwadronen

Dialogreise – das heißt miteinander reden, voneinander lernen. Gelernt habe ich heute in der Tat eine Menge. Dafür bin ich dankbar.

Ukraine Teil 3: Von Verliebtheit und Todesschwadronen weiterlesen

Ukraine Teil 2: Gesichter eines vergessenen Landes

Der zweite Tag meiner Reise durch Caritas-Projekte in der Ukraine führt mich zu drei besonderen Begegnungen: Zu dem Mann, der den Maidan stürzte und dabei die falschen Schuhe trug, zu einer alten Dame und zu einer Hoffnungsträgerin.

Ukraine Teil 2: Gesichter eines vergessenen Landes weiterlesen

Ukraine Teil 1: Ernst und fremd, schön und faszinierend

Sie führt in einen Teil Europas, von dem sich die Scheinwerfer der Welt abgewandt haben: Die diesjährige Dialogreise von Caritas international in die Ukraine.

Ukraine Teil 1: Ernst und fremd, schön und faszinierend weiterlesen

Überleben in Trümmern – Mein Besuch in Aleppo

„Ich reise nach Syrien.“ Dieser Satz brachte mir in den vergangenen Wochen viele sorgenvolle Nachfragen ein. Kaum jemand reist zurzeit in dieses Land, aus dem wir seit über 8 Jahren nur noch Schreckensmeldungen hören. Viele nehmen wir gar nicht mehr wahr. So übersättigt sind wir. Johanna Klumpp, Mitarbeiterin bei Caritas international, begleitete eine Woche die Arbeit der Kolleginnen und Kollegen der Caritas Syrien, vor allem in Aleppo. Überleben in Trümmern – Mein Besuch in Aleppo weiterlesen

Jordanien: Hunderttausende Flüchtlinge warten auf Frieden und Sicherheit

Jordanien, eines der rohstoff- und wasserärmsten Länder der Welt, hat infolge der vielen Krisen und Kriege im Nahen Osten seit 1948 mehreren Millionen Flüchtlingen Schutz gewährt. Seit Beginn des Syrienkrieges im Jahr 2011 kamen nochmals 650.000 Flüchtlinge dazu. Inzwischen zählt das Land mehr als neun Millionen Einwohner. Und dennoch erscheint uns Jordanien in diesen Tagen wie ein ruhiger Hafen mitten im Minenfeld des Nahen Ostens, das jeden Moment zu explodieren droht.

Jordanien: Hunderttausende Flüchtlinge warten auf Frieden und Sicherheit weiterlesen

Westjordanland: Leben in Freiheit?

Unglaubliche Weite am Horizont und im Tal reges Treiben auf den Straßen. Das sind die ersten Eindrücke beim frühmorgendlichen Blick aus dem Gasthaus in Bethlehem, in dem ich die nächsten Tage wohnen werde. Aus dem obersten Stockwerk kann man in der Ferne die Hügel Jordaniens sehen. Ein Gefühl von Freiheit macht sich breit. Trügerisch. Denn die Palästinenserinnen und Palästinenser sind alles andere als frei.

Westjordanland: Leben in Freiheit? weiterlesen

Ukraine: Ein Land voller offener Wunden und Kriegsnarben

Meine Dienstreise in die Ukraine begann an genau jenem Tag, als in der Meerenge von Kertsch die ukrainischen Schiffe von der russischen Marine angegriffen wurden und ihre Besatzung festgenommen wurde. Kurz darauf stimmte das ukrainische  Parlament darüber ab, ob das Kriegsrecht ausgerufen wird. Ergebnis war ein „Kriegsrecht light“: 30 Tage statt 60 Tage und auch nur in den Regionen, die an Russland und an Transnistrien (Moldawien) grenzen.

Ukraine: Ein Land voller offener Wunden und Kriegsnarben weiterlesen